Berlin

Zwei Tage vor Heiligabend fuhr ein Geist in den Republikaner-Chef Rolf Schlierer: der Geist der Toleranz. Der Ort, da diese unglaubliche Befruchtung geschah, war die Friedenskirche zu Pankow-Niederschönhausen. Und Rolf Schlierer trat vor den Altar und gedachte der Judenverfolgung und rief mit gewaltiger Stimme, daß der Herrnhuter Adventsstern schwankte: WEHRET DEN ANFÄNGEN! Da erhob sich ein Brausen und Schreien ... Aber der Reihe nach.

Pankow, von Adenauer respektvoll Pankoff genannt, war DDR-Berlins Botschaftsviertel und Prominentenbezirk. Egon Krenz und Lotte Ulbricht wohnen immer noch hier, Christa Wolf versammelt ihren Gesprächskreis in der "Literaturwerkstatt", dem ehemaligen Wohnhaus von Ministerpräsident Otto Grotewohl. Pankows Kern ist das Schloß Schönhausen, wo der Alte Fritz seine ungeliebte Gattin deponierte. Bis 1989 nächtigten dort Honeckers Staatsgäste. Ums Schloß ist ein alter Park gelegt. Zwischen Eichen und Kastanien führt der Pankower Weib und Hündlein aus, füttert Enten, belagert die große Wiese und begehrt von der Berliner Republik vor allem eins: Gemütlichkeit.

Es könnte im schläfrigen Pankow noch viel gemütlicher sein, geschähen hier nicht die meisten rechtsradikalen Übergriffe von allen Stadtbezirken Berlins. Besonders im Ortsteil Niederschönhausen prägt unbehaarte Bomberjacken-Jugend das Straßenbild. Im Dezember dann die Nachricht: Die Republikaner richten in Pankow ihre Bundeszentrale ein. Wo? Im Gartenhaus der ehemaligen Garbáty-Villa, Berliner Straße. Plötzlich entsann sich Pankow seiner älteren Geschichte. Die Zigarettenfabrik des jüdischen Unternehmers Josef Garbáty-Rosenthal, 1904 gegründet, war eine Pankower Institution. Garbáty leitete seine Firma mit einer Sozialphilosophie und betätigte sich ausgiebig als philanthropischer Mäzen, vor allem für das jüdische Waisenhaus. Im Rahmen der Nazi-Verordnungen zur "Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben" mußten die Garbátys 1938 ihren gesamten Besitz veräußern und entkamen in die USA. Die DDR enteignete 1949 den arischen Käufer. 1990 erwarb ein Wolfgang Seifert von der Treuhand die heruntergekommene Villa samt Nebengebäuden und setzte sie instand.

Die politische Gesinnung seiner Mieter gehe ihn nichts an, erklärte Seifert bei der eingangs erwähnten öffentlichen Diskussion in der Niederschönhäuser Kirche. Frage aus dem Publikum: Ob es stimme, daß Seiferts Frau im Bundesvorstand der Republikaner sitze? - Seifert gestand, er äußere sich nicht zu Familienangelegenheiten. Im übrigen habe er auch der Pankower PDS ein Haus vermietet. - Siglinde Schaub, die Ortsvorsitzende, eilte ans Saalmikrofon: Die PDS ziehe aus! Man habe ja nicht gewußt, wes Geistes Kind Herr Seifert sei!

Weshalb müssen die Reps ausgerechnet ins Garbáty-Haus?

Es war ein denkwürdiger Abend, dieser 22. Dezember. Da saßen sie höchst seltsam beieinander: Schlierer, Seifert, Pastorin Ruth Misselwitz, die Schwester Courage von Pankow, Moishe Waks von der jüdischen Gemeinde, PDS-Baustadtrat Bossmann, der zähneknirschend einräumte, die Kommune verfüge über keinerlei Rechtsmittel gegen diese strategische Provokation der Republikaner. Der Grafiker Butzmann stand auf, Pankows öffentliches Gewissen: Es gebe so viel Büroleerstand in Berlin, weshalb müßten die Reps ausgerechnet ins Garbáty-Haus? Da durchwallte es Schlierer: GEHT DENN DAS SCHON WIEDER LOS IN DEUTSCHLAND? Würden abermals, wie nach 1933, Andersdenkende vertrieben? Republikaner seien Demokraten und hätten keinerlei Kontakte zur Skinhead- und Neonazi-Szene. - Da johlten die Bomberjacken von der Empore mächtig Applaus.

Seit jenem Abend ist Pankow einige Debatten und Demonstrationen weiter. Das Städtchen in der großen Stadt erwacht wie seit der Wende nicht. Alle Fraktionen der Bezirksverordnetenversammlung (SPD, CDU, PDS, Bündnis 90/Die Grünen) haben in einer gemeinsamen Erklärung gegen den Republikaner-Einzug protestiert. Am Abend des 27. Januar fanden sich über tausend Pankower zu einer Lichterkette vor der Garbáty-Villa ein. So beginnt, was der ostdeutschen Demokratie schmerzlich fehlt: bürgerliche Selbstorganisation. Keine dieser Aktionen wurde von oben anberaumt. Initiatoren waren Schüler des Rosa-Luxemburg-Gymnasiums, die in ihrem Forum Politicum Zeitgeschichte diskutieren. Die Abiturientin Katharina Röhl moderierte das Forum in der Friedenskirche. Der Zwölftkläßler Stephan Felsberg sprach vor dem Stadtparlament. Wir wollten einfach zeigen: Pankow ist gegen die Rep-Zentrale, sagt Stephan schlicht. Katharina: Aber nicht auf dem Niveau von "Nazis raus!"-Gegröle. Und vor allem: keine Gewalt.

Fühlt ihr euch verantwortlich für deutsche Geschichte?

Schuldig nicht, sagt Stephan. Ick versuch det nachzuvollziehn.

Es ist unsere Pflicht, heute zu verhindern, daß so was wieder vorkommt, sagt Katharina.

Wennse dich in Holland komisch ankucken als Deutschen, sagt Stephan, dann is das Problem da.

Was wird, wenn die Reps trotzdem einziehen?

Wichtig ist, daß man zurückblicken kann, sagt Stephan. Daß der Protest da war.

Er war da, und er bleibt, der Protest. Er wird die Reps nicht vom Garbáty-Haus fernhalten. Schlierers Partei wünscht diese Residenz zum Beweis, daß sie sich in keiner Assoziation zum Zwölfjährigen Reich befinde. Das ist töricht. Wozu ein Beweis taugt, entscheidet ja der Zweifler. Verzichteten die Reps nun auf den Einzug, dann riefen die Protestanten: Wir haben gesiegt! Bleiben die Reps, gilt ihr Zynismus als offenbar.

Aber Torheit ist kein rechtes Monopol. Antifa-Party im Anarcho-Club Garage. Morgen, spricht ein Teenie-Girl, morgen auf der Demo zum 30. Januar, da werde man es den Pankower Normalfaschisten mal zeigen.

Wo kommst du denn her?

Die DDR ist für immer mein Vaterland, sagt das linke Kind. Die DDR war viel besser als die imperialistische BRD. Zum Beispiel gab's Planwirtschaft.

Aber man konnte nicht raus.

Ich will nicht raus. Westen ist Scheiße.

Die Party wurde noch gut. Kaltes Köstritzer, Scharen weltverbesserlicher junger Leute, wärmstens beschallt vom Poesie-Grunge einer Schülerinnenband namens Suddenly Thoughtless: Dieser Planet ist auch mein Zuhaus / und ich kann ja auch leider nicht raus / ich sitz hier bis an mein Lebensende fest / oder denkst du, das ist nur ein Test? Dann ritten Rachegöttinnen ein: Grandmother's Suicide aus Hohenschönhausen. Flucht an die Theke, wo eine Katja und ein Stephan ihre geballten Zukunftsängste erzählten: Rassismus, Ausgrenzung von Randgruppen, Sozialdarwinismus. Ich habe einfach Angst, sagte Stephan, daß ich in diesem System der Profitmaximierung keinen Platz finde.

Stephan, diese Angst ist bündnisfähig.

Anderntags die Demo. Tausend friedliche Antifas. Rote Fahnen, Lenin & Thälmann, linkskorrekte Lautsprechereien am Garbáty-Zaun. Viel Feind, viel Ehr, viel Polizei. Kein bürgerlicher Zulauf. Ein paar Normalfaschisten knipsten vom Balkon. Bei der Lichterkette hatten sie womöglich Kerzen gehalten.