Wir sind empört. Die Regierung mißbraucht ihre Macht für eine Propagandaschlacht. In ganzseitigen Anzeigen läßt sie Boris Becker, Thomas Gottschalk und Marius Müller-Westernhagen für ein neues Staatsbürgerschaftsrecht werben. Und das eine Woche vor der Hessenwahl. So etwas hat Gott, das hat das Bundesverfassungsgericht verboten, denn das Bundespresseamt darf nicht für die Mächtigen werben, es muß informieren. Die Opposition tobt also zu Recht - und ultimativ scheinheilig zugleich. Denn während ihrer langen und länger werdenden Regierungszeit hat auch sie es für nötig gehalten, unterm verschlissenen Tarnmäntelchen der Information den einen oder anderen drögen Kabinettskopf so ein, zwei Wochen vor Wahlen ganzseitig für diese oder jene Wohltat werben zu lassen. Wir sind empört.

Aber - wir müssen es gestehen: Wir sind diesmal auch entzückt. Der rot-grüne Politpop ist ein genialer Streich gegen die bieder zündelnde Unterschriftenaktion der CDU/CSU auf dem Rücken der Ausländer. Hie unverschämte Demagogie unterm Deckmantel der "Aufklärung" und "Integration", da genialer Populismus: "Wir wollen stolz sein auf eine moderne, weltoffene Bundesrepublik Deutschland ..." Hie die Ikonen der Popkultur - ernst, sanft und suggestiv ihr Blick aus hellen Augen; da wütende Rentner, aus dem Bauch redend. Politästhetisch dürfte die Sache entschieden sein. Klar, Rechtens ist der Coup der "drei Engel für Schily" (Süddeutsche Zeitung) nicht. Aber sie sind wunderschön und zeigen sich für eine anständige Sache.