Vor zwei Wochen ist der deutsche Umweltminister in Paris gewesen. Aufgetreten ist er mit einem linksnationalen Gehabe, das die Franzosen von ihrem Innenminister kennen - und bei Deutschen gar nicht schätzen. Die konservative Tageszeitung Le Figaro sprach in ihrem Leitartikel von "le diktat"; ein Begriff, der unmißverständlich auf das Münchner Abkommen von 1938 anspielt.

"Ist Deutschland gefährlich?" fragte wenige Tage später Christian Saint-Etienne in einer Kolumne für das Wochenmagazin L'Express. Saint-Etienne ist ein brillanter junger Ökonom und Publizist; politisch wird er vage der bürgerlich-liberalen UDF zugeordnet. In einer scharfzüngigen Skizze porträtiert er das "neue" Deutschland als rücksichtslose Wirtschaftsnation, die ihren einstigen Partner Frankreich innerlich längst abgehängt habe. Die Frage von Wiederaufarbeitung und Schadenersatz ist da nur ein zusätzliches Symptom.

Ein asymmetrisches Kräfteverhältnis zwischen den beiden Staaten aber habe in den vergangenen zwei Jahrhunderten immer katastrophale Folgen gehabt, schreibt Saint-Etienne. Frankreich sei heute in einer Position der Schwäche, seine Banken und Unternehmen seien unterkapitalisiert, und in der Politik herrsche schon seit zehn Jahren eine Entscheidungskrise. Deutschland dagegen habe Osteuropa als politisches Handlungsfeld hinzugewonnen. Die Berliner Republik stehe für ein "natürliches Einflußgebiet von 180 Millionen Menschen", die allesamt an "germanische Befehlsgeber" gewohnt seien. Saint-Etienne erinnert auch an die Ruckzuckmanier, mit der die Frankfurter Börse im Juli 1998 eine Allianz mit London geschlossen hat, obwohl sie doch seit einem Jahr mit Paris verhandelte. Einen ähnlichen Schock lösten wenige Monate später die Verhandlungen zwischen Dasa und British Aerospace aus.

Deren Fusionsversuch wird in Frankreich auch nach seinem Scheitern noch als gemeiner Verrat der Deutschen erlebt. Man habe den Eindruck einer "neuen deutschen Arroganz", sagt der liberale Ökonom und Kommentator Elie Cohen. In internationalen Diskussionsrunden sei bei den deutschen Teilnehmern eine grenzenlose Bewunderung des angelsächsischen Wirtschafts- und Gesellschaftsmodells festzustellen. Das kontinentaleuropäische Modell werde wie ein Stück lästige Vergangenheit behandelt.

Die neue Bundesregierung und der bevorstehende Hauptstadtumzug nach Berlin sind in Frankreich Anlaß für eine Reihe freudloser Betrachtungen zur Zukunft der deutsch-französischen Beziehungen. Die Autoren, das ist bemerkenswert, sind allesamt nach dem Krieg geboren und gehören auch in anderer Hinsicht zu einer neuen Generation: In den etablierten deutsch-französischen Gesprächskreisen sind sie bislang nicht aufgefallen. Dort herrschten bis zuletzt allerdings auch die apparatschiks du franco-allemand, wie ein französischer Historiker sie genannt hat.

Zu den neuen Stimmen zählt auch die Pariser Germanistin Yvonne Bollmann. Sie hat vor wenigen Wochen ein Buch mit dem Titel Die deutsche Versuchung veröffentlicht. Gestützt auf eine erschöpfende Zeitungsdokumentation, fordert sie, die deutsche Gefahr endlich zur Kenntnis zu nehmen. Manche ihrer Betrachtungen grenzen freilich ans Delirium. Etwa, wenn sie aus dem Vergabesystem für die neuen fünfstelligen Postleitzahlen Hintergedanken zur späteren Eingliederung Elsaß-Lothringens, Schlesiens und des Sudetenlandes herausliest: Die Postleitzonen 05, 11, 43 und 62 lägen an den entsprechenden Grenzabschnitten und seien nicht vergeben.

Diese Ideen entnimmt Frau Bollmann übrigens einem Leserbrief im Neuen Deutschland. Das Buch von Yvonne Bollmann ist über eine Auflage von 5000 Stück nicht herausgekommen. Von ihrem Verlag ist zu hören, Frau Bollmann werde viel zu Vorträgen und Lesungen eingeladen. Sie selbst sei entsetzt, wie stramm rechts die Zuhörerschaft sei. Im Saal seien aber regelmäßig auch viele junge Leute.