Erst im Rückblick beginnen die Jugendjahre aufzuleuchten. Beglänzt liegen sie in der eigenen Vergangenheit. Von allen Jahren waren sie die gelebtesten. Gebannt in nichts als Erinnerung liegen die Jugendorte in magischem Licht. Von allen Orten waren sie die prächtigsten.

Für den gebürtigen Tschechen Josef Skvoreckì - Jahrgang 1924, Schriftsteller, Saxophonspieler, emeritierter Professor für Englisch an der Universität von Toronto - trägt der Jugendort, unbetretbar geworden außer für die Erinnerung, den Namen Kostelec. Nur im Schreiben seiner Romane kann er sich dorthin versetzen, nur in den Tagträumen des Romanciers kann er das Kostelec seiner frühen Jahre wiederaufleben lassen, jenes nordböhmische Städtchen, das in Wirklichkeit Náchod heißt und in dem er als Jüngling alles zum erstenmal tat: Die Mädchen lieben, in einer Jazzband spielen, die tschechischen Landsleute ärgern, die Nazis provozieren, die Kommunisten verhauen, die Engländer bewundern, die Russen erdulden. Daß seine goldenen Jahre in Kostelec sich mit den Kriegs- und Besatzungsjahren in Hitlers Protektorat Böhmen und Mähren decken, das kann deren Glanz für Skvoreckì nicht trüben. Im Gegenteil: Bedrohung und Gefahr verleihen diesen Jugendjahren den scharfen Reiz des Abenteuerlichen.

Und das Exil gibt seiner Welt von gestern den treuherzigen Goldrand als Fassung. Von Kanada her gesehen, wohin Josef Skvoreckì Anfang 1969, nach der Niederschlagung des "Prager Frühlings", emigrierte und wo er seither lebt und schreibt, ist Kostelec die Glücksmetapher par excellence - ein Sehnsuchtsort der jugendlichen Unbeschwertheit, umstrahlt von aller Leichtigkeit und aufgehoben in aller Seichtigkeit des Seins. In Kostelec geschah alles tändelnd und spielerisch, auch das Schwerste und Grausamste, so will's dem Autor im verklärenden Rückblick erscheinen. Sogar die eine oder andere Schlächterei aus den letzten Chaostagen des Weltkriegs erinnert er gleichmütig: Jung sein in Kostelec hieß robust sein, hieß abschütteln können.

In seinem Kostelec war alles unwichtiger als der Jazz. Der Jazz mußte dem Schüler Skvoreckì ersetzen, was ihm der Krieg nahm. Da war der Aufstand tschechischer Patrioten gegen die deutschen Besatzer im Mai 1945 kaum belangvoller als die Liebeshändel der Halbwüchsigen. Ersterer war ein läppischer Altherrensport, verdorben durch etliche Greuelszenen; letztere waren ein kitzliges Gewinnspiel in den höheren Gymnasial- und Gesellschaftsklassen der Kleinstadt. Der junge Herr Smirickì war überall dabei.

Daniel Smirickì ist der Bruder Leichtfuß des Autors, ein Windbeutel und Luftikus, der nichts ernst nimmt außer seinen Vergnügungen, nichts im Kopf hat außer seinen Gelüsten, nichts und niemandem treu ist außer seinen Launen und sich zu nichts ermutigt fühlt außer zu seinen Akten der Feigheit. In Feiglinge, Skvoreck'ìs Debütroman von 1958, hatte Danny Smirickì, ein fragwürdiger Held und ein gnadenlos aufrichtiges Porträt des Künstlers als junger Spund, in all seiner Zwiespältigkeit, sein Entree in der tschechischen Literatur.

Es war ein markanter Auftritt mit allerlei politisch-biographischen Folgen für den Autor. Dieses Debüt hat die literarische Topographie Böhmens neu bestimmt und ihr mit dem Städtchen Kostelec einen fiktiven Weltmittelpunkt geschenkt, das Zentrum von Skvoreckìs Erzählkosmos - durchaus vergleichbar mit dem kaum verkappten Novi Sad des Aleksandar Tisma. In Danny Smirickì ist der tschechischen Literatur ihr schlitzohrigster Held seit dem braven Soldaten Schwejk erstanden.

In dem Roman Feiglinge hat Skvoreckì am Beispiel von Kostelec die patriotische Geschichte der letzten Tage des Protektorats spöttisch umgeschrieben, nicht als Heldenepos des antifaschistischen Widerstands, sondern als ironische Chronik der Kollaborateure, Wendehälse und Opportunisten.