Die Revolution ist noch jung: Im Sommer 1994 erfaßte der Europäische Binnenmarkt auch die Assekuranz. Seither dürfen in Deutschland anstandslos Policen aus EU-Ländern verkauft werden, entsprechend auch hiesige Verträge in Frankreich oder England. Mit dem Startschuß zum einheitlichen EU-Markt fiel auch die Bastion der nationalen staatlichen Aufsicht. Produkte und Tarife können nun ohne langwierige Überprüfung und Zulassung am Markt angeboten werden. Wunderbare Zeiten für die Verbraucher? Keineswegs.

Es hagelt Kritik. "Ziemlich viel Chaos" sieht Wolfgang Scholl, Versicherungsexperte der Verbraucher-Zentrale Nordrhein-Westfalen. Zwar hätten auch früher "die Kunden bei den Versicherungsbedingungen nicht durchgeblickt und tun es heute nicht", aber bis 1994 konnten sie sich noch auf die staatliche Zulassung verlassen, heute sei nichts mehr selbstverständlich. Tatsächlich hat die Deregulierung in Europa Tarife und Verträge fast unvergleichbar gemacht:

Galten früher einheitliche Standards, können die Versicherer heute die Bedingungen und Tarifklassen nahezu frei wählen! Im Ergebnis finden sich überall vertragliche Zusatzklauseln, Extras und Ausnahmen. So kam eine USA-Reise eine ältere Dame teuer zu stehen. Herzprobleme verursachten einen Krankenhausaufenthalt in New York und damit Kosten von mehr als 30 000 Dollar. Bei ihrer Rückkehr nach Deutschland verweigerte ihre Reisekrankenkasse aber die Zahlung und verwies auf eine "Staatsangehörigkeitsklausel": Besagte Dame sei US-Bürgerin und daher bei einer Amerikareise nicht versichert. Die neue Unübersichtlichkeit macht sogar Testprofis zu schaffen. Eine Untersuchung von Lebensversicherungsverträgen durch die Stiftung Warentest (nur einmal "sehr gut", achtmal "gut" bei 73 Angeboten) rief eine heftige Schelte durch die Branche hervor. Sie wies nicht ganz zu Unrecht auf andere Bewertungsmöglichkeiten hin.

Für "übertrieben" hält der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft die Kritik. "Durch den Europäischen Binnenmarkt ist doch eingetreten, was die Verbraucherschützer jahrzehntelang gefordert haben, nämlich Preis-, Produkt- und Bedingungswettbewerb", heißt es dort. Der Versicherungsmarkt habe sich normalisiert, und wie bei Handys, Computern oder Mittelklassewagen müßten nun die Angebote sorgfältig miteinander verglichen werden. Wie schwierig dies in der Praxis ist, zeigt schon der relativ simple Autoschutz: Da leicht kündbar, dient die Kfz-Versicherung als Köder für Neukunden. Die Preise sanken seit 1994 rasant um rund 20 Prozent. Dank Frauentarif oder Wenigfahrerrabatt können Verbraucher individuell viel Geld sparen. Das Lehrstück lautet: Der kritische, aktive Kunde nutzt die neuen Chancen; all jene jedoch, die sich nicht rühren - vielleicht, weil sie längst den Überblick verloren haben - und daher den Kündigungstermin zum Jahreswechsel regelmäßig versäumen, sitzen noch immer auf ihren teuren Altverträgen.

Ob die neue Unübersichtlichkeit auf Dauer volkswirtschaftlich sinnvoll ist, bleibt abzuwarten. Stimmen in der Versicherungswirtschaft verweisen - ganz im Sinne der Verbraucherschützer - auf "Intransparenz am Markt" und machen sich Sorgen über Billiganbieter. Schließlich müßten auch diese alle Schäden der Kundschaft aus ihren Prämieneinnahmen decken. Angesichts ihrer Dumpingpreise müsse dies jedoch früher oder später schiefgehen, befürchtet ein Insider: "Das geht mittelfristig an die Substanz!" Derweil will der Versicherungsverband eine Firmenpleite in der Schadenversicherung nicht mehr ausschließen. Ohnehin lebt ein Großteil der Branche seit Jahren vorrangig von seinen Kapitalanlagen; im reinen Versicherungsgeschäft sind dagegen Verluste eher an der Tagesordnung. Zudem stagniert das Geschäft nahezu: Die Beitragszahlungen wuchsen 1998 um den kleinsten Betrag seit Jahrzehnten (plus 2,0 Prozent). Mit 243 Milliarden Mark bleibt der Prämien-Kuchen allerdings stattlich.

Die billigeren Autoverträge sind aber nur eine der Deregulierungsfolgen. Zu ihnen gesellte sich nach anfänglichem Zögern manche Skurrilität: beispielsweise die Nichtraucher-Lebensversicherung, der private Arbeitslosenschutz oder die "Rundumschutz-Police" von Gerling. Insbesondere kleinere Versicherer basteln seit dem Startschuß zum Binnenmarkt an Innovationen, um sich auf diese Weise gegen die fusionsgestärkten Riesen zu behaupten. Die Kleinen können aber kaum einmal das Reklamegeklingel der Großen übertönen. Ihnen fehlt es an Marktmacht und Vertriebskraft. Verbraucherschützer Scholl zieht ein resigniertes Fazit: "Im Kern ist alles beim alten geblieben", und neue und innovative Produkte spielen weiterhin keine gewichtige Rolle auf dem Markt. Verbraucher sollten daher auch einmal auf ungewöhnliche Versicherungsangebote achten.

Trotzdem war eine Reihe von neuen Produkten wie die fondsgebundene Lebensversicherung oder modifizierte Rentenverträge ein voller Erfolg, insbesondere für die Assekuranzriesen. Anderes scheiterte in der Praxis, beispielsweise eine Allrisiko-Hausratversicherung aus England. Andere Neuschöpfungen wurden grandios am Markt vorbeientwickelt. So verkaufte die Volksfürsorge ihre private Arbeitslosenversicherung kaum 3000mal, obwohl sie bei ihrer Einführung von einem enormen Presseecho begleitet worden war. Den Verbrauchern bleibt im deregulierten Europa, wollen sie nicht die Dummen sein, nur eins übrig: Sie müssen mitdenken und mobil sein! Nur so kann bei ihnen Freude über die neue Buntheit aufkommen. Wer eine Handvoll Angebote von verschiedenen Versicherern einholt oder sich in eine Beratungsstelle bemüht, kann viel Geld sparen und Sicherheit gewinnen. Eine Möglichkeit unter vielen: Die Verbraucher-Zentrale Nordrhein-Westfalen bietet eine Computerberatung an (Mintropstraße 27, 40215 Düsseldorf, Tel. 0211/38 09-0, Fax -172). Für 40 Mark werden der individuelle Versicherungsbedarf analysiert und die günstigsten Anbieter herausgefiltert.