Schwer vorstellbar, aber Tatsache: Der neueste Bund von Studenten hat ausgerechnet das noble Ambiente von Schloß Bellevue, dem Sitz des Bundespräsidenten, gewählt, um sich der Öffentlichkeit zu präsentieren. Sie nennen ihren Klub englisch "scheme", was soviel heißt wie Idee, Projekt, Programm oder Plan. Scheme hat vorerst zwar nur zwölf Mitglieder, nimmt aber für sich in Anspruch, die Studentenvertretung der Zukunft zu werden. Schon jetzt steht immerhin eines fest: Innerhalb der Studentenszene ist scheme ein Unikum.

Eine Abordnung von scheme bestritt denn auch zusammen mit Schülern (den potentiellen künftigen scheme-Mitgliedern) die sechste und letzte Gesprächsrunde von Bildungsexperten, die in den vergangenen Monaten unter der Schirmherrschaft von Bundespräsident Herzog und unter der Regie des Centrums für Hochschulentwicklung der Bertelsmann Stiftung (CHE) abwechselnd in Berlin und Bonn stattfanden.

Ein Ergebnis immerhin hat der Streik doch gebracht: Er hat vielen hochschulpolitischen "Entscheidungsträgern" endlich klargemacht, daß eine Verbesserung der Situation an den Universitäten nur zusammen mit den Studenten bewirkt werden kann. Sie sind nun mal diejenigen, die alle Mißstände unmittelbar ausbaden müssen und daher am besten wissen, woran es fehlt.

Im CHE hatte man diesen mangelnden Dialog mit den Studenten immer als ein großes Defizit empfunden. Seit rund vier Jahren ist dieser Think Tank der Bertelsmann Stiftung und der Hochschulrektorenkonferenz nun unauffällig, aber effektiv dabei, die Studienreform an Deutschlands Hochschulen voranzutreiben. Dabei begnügt man sich nicht mit Vorschlägen und Denkschriften zu Grundsatzfragen, sondern arbeitet gezielt auch in den Hochschulen selbst, gibt Hilfestellung bei Problemen im Hochschulmanagement, der Neuordnung von Studiengängen und anderen praktischen Fragen.

Die Art, wie das CHE nun auch Kontakt mit den Studenten aufgenommen hat, ist typisch für die von CHE-Chef Detlef Müller-Böling, dem ehemaligen Rektor der Universität Dortmund, bevorzugte unkonventionelle Arbeitsweise. Nachdem alle Versuche, über das Internet ins Gespräch zu kommen, kein rechtes Resultat brachten, ging er selbst als Headhunter auf Studentenjagd. Wo immer ihm oder seinen Mitarbeitern einzelne Studenten durch Engagement und gute Ideen auffielen - sei es durch Beiträge in Zeitungen, bei Podiumsdiskussionen, in Workshops oder bei CHE-Projekten an den Universitäten -, ihre Namen wurden in einer Spezialkartei gespeichert. "Wir wollten an die schweigende Mehrheit heran", erklärt Müller-Böling.

Was bei der Suche schließlich herauskam, ist seiner Ansicht nach ein neuer Typ des Studentenfunktionärs: "der Fachschafter, der vor Ort konkret Veränderungen bewirken will". Die Studenten heute seien absolut realistisch geworden, sie guckten auf das Machbare, seien bereit, Kompromisse einzugehen, und behielten doch ihre Visionen im Auge. "Der AStA hat keine Bedeutung mehr. Das Studentenparlament hat nichts mehr zu sagen. Alles läuft über die Fachschaften."

Keine Zeit für Grabenkämpfe um die Bildungspolitik