Bonn

Sie möchte darüber sprechen. Wie es kam, möchte sie schildern, jetzt, leider erst jetzt, daß sie in der DDR IM "Eiche" wurde, weshalb sie die Wahrheit nicht beizeiten von sich aus aufgedeckt, ja sogar noch geleugnet hat, warum sie als Journalistin SPD-Sprecherin werden wollte und am Ende nicht konnte. Ihre Akten aus der Gauck-Behörde, Klassenfotos, sämtliche Zeugnisse, alles bringt sie mit. Das Leben, ihr erstes Leben, in einer Aktentasche. Eine Zeitmaschine, sagt sie, habe sie in dieses Leben zurückversetzt.

Dörte Caspary war damals siebzehn Jahre alt. Eine hochtalentierte Schülerin, Einzelkind in einer Art mustergültigem DDR-Elternhaus. Der Vater, angesehener Fabrikdirektor, wie die Mutter in der SED, die Eltern vertraten ihre Überzeugung offen. Nichts war verwerflich für sie, Kontakt zu Dissidenten bekam die Tochter in ihrer engen Welt nicht. Dörte Caspary befand sich früh auf der Umlaufbahn einer DDR-Karriere mit ihrer ganzen Binnenlogik. Sie wuchs, wenn man das richtig versteht, durchaus in einer Idylle auf, die ihr nicht trügerisch vorkam. In Nordhausen, der schwer zerstörten Stadt, das KZ in der Nähe, bewunderte sie ihre erste Schuldirektorin, weil diese niederländischen Partisanen geholfen hatte. Die Lehrerin nahm das junge Talent unter ihre Fittiche und brachte ihr Russisch bei. Dörte fiel immer positiv auf, schon gar, wenn es um Musik oder Sprachen ging. Sie wuchs auf mit Olympiaden und Spartakiaden, dem ganzen Wettbewerbssystem, mit dem sich der Staat seine eigene Elite fabrizierte. Natürlich gehörte sie zur Pionierorganisation der FDJ. Ihre Welt war heil.

Man hört zu und versucht zu verstehen.

Mit vierzehn Jahren kommt die Begabte ins Internat, eine Eliteschule in Wernigerode. Sie möchte ein Feld finden, in dem sie "spitze" ist. Ihre Stimme erweist sich als nicht belastbar genug für eine Gesangskarriere, früh denkt sie an etwas Journalistisches. Sehr schnell hat das spezifische Leistungssystem Dörte voll in der Obhut. Wie sie das schildert, ihr erstes Leben, hat man den Eindruck, der entfesselte Kapitalismus habe ausgerechnet in der DDR seine wahren Jünger gefunden. Bisher hatte sie einen Freundeskreis, in dem sie dominierte. Im Internat merkt sie aber, daß sie "nicht mehr uneingeschränkt die Beste ist". Eine Mitschülerin, die sie fasziniert, die aber auch in mancherlei Hinsicht "besser" ist, wird zur Freundin.

Dörte bemerkt, daß ihre neue Freundin, heimlich auch eine Konkurrentin, stiehlt, nicht nur Kleinigkeiten, und meldet das der Schule. "Ich fand es wahrscheinlich toll", versucht Dörte Caspary sich zu erinnern, "daß sie mir nachgeben mußte und gesteht und ich also stärker bin." Diese Freundin, A., hatte sich in der neuapostolischen Kirche engagiert und einen neuen Freundeskreis aufgebaut, wodurch Dörte sich auch noch "ein Stück verraten fühlte". Sie sagt das nicht so, aber nach diesem Vorfall war sie offenbar wieder die Erste. Einsam spitze, einsame Spitze.

Ein paar Tage später wird sie zu einem Treffen mit der "Kripo" geladen, "Kennzeichen himmelblauer Trabant", und es stellt sich heraus, daß der junge Mann, Deckname Michael Wunder, in Wahrheit vom Ministerium für Staatssicherheit kommt. Er trägt der Siebzehnjährigen vor: Augenblicklich entfalteten westliche Geheimdienste verstärkte Aktivitäten, gerade an den Schulen und in Kirchenkreisen. Ihre Freundin A. könne angesprochen werden. Sie selbst wird mit Lobeshymnen überschüttet, die Eltern sind überprüft worden, die Klassenlehrerin hat M. W. bestens beraten, von dem Zwist mit der Freundin hat sie erzählt und auch, daß Dörte keinen Freund habe.

Hat ihr kein moralischer Reflex gesagt, sie müsse nein sagen? Viele haben nein gesagt in ähnlicher Lage, das weiß sie. Und sie wußte damals, daß sie da "nichts Heldenhaftes" machte. Aber es war überdeckt von dem privaten Zwist, dem Geschmeicheltsein, von dem Überzeugtsein. Dann waren auch die Eltern fern, und der Staat war nah. Der "Kick" überwog, die Lust am Abenteuer im unscheinbaren Internatsalltag. Dörte war wieder etwas Besonderes. Sie begann ein Doppelleben zu führen. Als sie der Mutter ein einziges Mal etwas andeutete, war diese empört, SED-Mitgliedschaft hin oder her, und verbot ihr streng den Kontakt zur Stasi. Dörte versuchte zweimal loszukommen, aber der Sog war stärker, und M. W. drohte. Als er viel später einmal plötzlich einen Ehering trug, gab es ihr einen "Stich".

Sie hatte Angst vor öffentlichem Mißerfolg, Angst, "gebrandmarkt" dazustehen oder "herabgestuft" zu werden. Das war für die Erste und Beste der schlimmste Gedanke. Mit siebzehn. Es war nicht allein die Stasi, die sie an der Leine hatte, sie wollte in diesem System funktionieren und nach den Eltern nun den Staat nicht enttäuschen. Bis zur Verpflichtungserklärung als Inoffizieller Mitarbeiter, die sie unterschrieb, war es nun kein großer Schritt mehr. Sie verstrickte sich schnell und sehr tief. Regelmäßig berichtete sie aus dem Alltag der Freundin A., die mit diesem Material erpreßt worden ist und Auskünfte aus dem Innenleben der Kirche geliefert hat.

Neben diesem ersten Fall gab es noch einen zweiten schwerwiegenden. Dörte erklärte sich bereit, unter einer regelrechten Legende Kontakt zu einer Familie aufzunehmen, deren Vater öfter in Grenznähe gesehen worden sei. Später, so habe M. W. ihr berichtet, habe sich das als harmlos entpuppt und erledigt. Aber sie lieferte Einschätzungen und Informationen. Das alles sind keine Kleinigkeiten, und so stellt sie ihre Stasi-Dienste auch keineswegs dar. Im Gegenteil, wenn anfangs noch ein Hauch vom Mythos des besten Geheimdienstes über allem lag, à la Armin Müller-Stahl, dem bewunderten Spionagehelden aus dem Kino, so bekam ihr "Leben mit der Lüge" für sie selbst bald riesige Dimensionen. Sie stieß an eine Grenze, wollte nicht mehr weiter, überhaupt nicht. Nach zwei Jahren, im Februar 1986, fand das letzte Treffen mit M. W. statt. In einer Einschätzung wird ihre Bereitschaft zur intensiven Kooperation angezweifelt.

1989 begann das zweite Leben. "Ich fühlte eine Riesenschuld"

Dann das Journalistikstudium im "Roten Kloster" in Leipzig, es weht schon ein Gorbatschow-Lüftchen, Dörte Caspary debattiert viel mit ihren Freunden, spielt am liebsten Theater, erinnert sich an ein selbstverfaßtes Stück, das Generation ohne Brüche hieß, junge Leute, die nur die DDR-Welt kannten, und nun will sie auch nicht mehr mit Macht die Beste sein. 1989: Die Leipziger Studenten nehmen an den Montagsdemonstrationen teil. Das zweite Leben beginnt. Schluß mit Behütet. In der Wendezeit wird ihr klar, daß die Stasi mehr war als M. W. und die DDR alles andere als eine Idylle. Die Internierungslager, gewaltsam beendete Karrieren, die physische Zerstörung, Dörte Caspary sieht jetzt, in welchen Strudel sie sich begeben hatte. "Ich fühlte eine Riesenschuld. Wenn ich gedacht hätte, es wäre nicht so schlimm, hätte ich vielleicht öffentlich gemacht, was passiert ist. Vielleicht war ich auch feige."

Im vereinigten Land wird sie Rundfunkjournalistin, hat beste Berufsaussichten, heiratet, bekommt zwei Kinder und lebt im Gefühl, ganz angekommen zu sein. Sie fühlt sich völlig frei, zum ersten Mal ganz identisch mit sich, ein wahres "Rundum-Glück". Der Erfolg im Westen relativiert das erste Leben, vielleicht auch die Schuldgefühle, jedenfalls wirkt alles weit weg.

Es bleibt aber die Angst, wie sie sagt, entdeckt zu werden. Und weshalb wollte sie dann noch den nächsten Schritt machen, den Schritt in die Politik? Nicht nur, weil die Gauck-Behörde vor Jahren mehrfach bezeugt hatte, es läge nichts über sie vor. Je mehr Erfolg im zweiten Leben, um so weniger vorstellbar ist es wohl auch für sie geworden, mit der "Riesenschuld" aus dem ersten Leben anders umzugehen. Als die Journalisten sie nach "Eiche" fragten, war sie geschockt und "zog die Notbremse". Sie stritt ab. Das Problem von einst war zu groß. Und sie war zu glücklich. Vielleicht war sie auch wieder zu weit auf dem Weg zu einer der Ersten und Besten, nun im Westsystem.

Aber könnte es nicht sein, daß sie die latente Angst loswerden und den Schritt in die Politik machen wollte, um entdeckt zu werden? Spontan sagt sie: Nein! Aber dann überlegt Dörte Caspary einen Moment: Sie habe darüber noch nicht nachgedacht; vielleicht, setzt sie hinzu. "Die Aufdeckung ist auch ein Stück Befreiung gewesen, nur hätte ich es gerne eine Nummer kleiner gehabt."

Dörte Caspary war siebzehn. Vor dreizehn Jahren war alles vorbei, irgendwie, aber sie hatte damals - in ihren eigenen Augen - ihre Ehre verloren. Jetzt hat sie Freunde enttäuscht. Sie versucht, etwas von dieser Enttäuschung wiedergutzumachen und etwas von dem Verlorenen zurückzugewinnen, indem sie spricht. Sie versucht es in einer Gesellschaft, die in solchen Fällen, zumal im Westen, zweite Chancen zu wirklichen Berufskarrieren kaum je gibt. Ich höre zu.