Zwei Jungen begegnen im Wald plötzlich einem angriffslustigen Grizzlybären. Während der eine Junge in Panik gerät, zieht der zweite in aller Ruhe seine Joggingschuhe an. "Bist du wahnsinnig? Wir können unmöglich schneller laufen als der Grizzly", schreit der erste. "Richtig", gibt der andere zurück, "aber ich muß ja nur schneller laufen als du!"

Ein fieses Verhalten? Weit gefehlt. "Der zweite Junge hat nicht nur das Problem erkannt, sondern auch eine kreative und praktische Lösung gefunden", meint Robert Sternberg. "Er hat Erfolgsintelligenz bewiesen." Und wer über diese magische Gabe verfüge, habe die richtige Einstellung zum Leben: "optimistisch-positiv und von Selbstvertrauen geprägt".

Widerlegt ein Müllmann die Aussagekraft von IQ-Tests?

Nein, Sternberg ist kein Managementtrainer, der auf teuren Seminaren leitende Angestellte mit Psychogebabbel traktiert. Der Mann ist Psychologieprofessor in Yale, hat führende Fachzeitschriften verantwortet, einige hundert Aufsätze und mehrere Dutzend Bücher verfaßt sowie Monographien über Intelligenz herausgegeben. Nun meint er, eine neue Art von Intelligenz entdeckt zu haben, mit der er das ganze Gedöns der vergangenen Jahre um die "emotionale Intelligenz" noch zu übertrumpfen sucht: Nicht auf IQ oder EQ, sondern auf die Erfolgsintelligenz komme es an, lautet Sternbergs Botschaft.

Der amerikanische Psychologe bekämpft vor allem die Tests zur Messung des Intelligenzquotienten (IQ) und die Vorstellung von der general intelligence, dem g-Faktor, die diesen zugrunde liegt. Sternberg polemisiert gegen den großflächigen Einsatz von IQ-Tests in amerikanischen Schulen und Universitäten und vergleicht deren "Abhängigkeit von Tests" mit der Drogensucht. Von ihr profitierten nur jene Firmen, die solche Tests verkaufen, und die höheren Schichten der Bevölkerung, weil ihre Kinder bei den Untersuchungen meist gut abschnitten.

Politisch ist das schwer korrekt, doch mit Belegen für seine Kritik tut sich der prominente Professor schwer. Am liebsten erzählt er Anekdoten von sich, seinen Kindern und Studenten. Damit will er demonstrieren, daß es im wirklichen Leben kaum auf die Intelligenz ankomme, die IQ-Tests messen. Einer von Sternbergs Belegen ist etwa das Staunen eines Studenten über den Einfallsreichtum eines Müllmanns: Statt jede geleerte Mülltonne in denselben Hinterhof zurückzuschleppen, tauschte er sie im nächsten Hof gegen eine volle Tonne aus. So sparte er die Hälfte seiner Wege. Sternberg triumphiert: Trotz seines vermutlich weit überlegenen IQ-Wertes sei der Student nicht auf diese Lösung verfallen. Allerdings hatte der Müllwerker, anders als der Akademiker, jahrelang Zeit, im Schweiße seines Angesichts über dem Problem zu brüten. Doch solche einfachen Erklärungen übersieht Sternberg gerne.

Natürlich ist der Intelligenzquotient nicht alles im Leben, nicht einmal im beruflichen. Psychologen wissen längst, daß zahlreiche andere Eigenschaften eine Rolle für den persönlichen Erfolg spielen. Doch ausgerechnet Sternberg versucht nun, alles auf seine besonders umfassend definierte "Erfolgsintelligenz" zurückzuführen. Diese soll aus drei Teilen bestehen, aus "analytischer", "kreativer" und "praktischer" Intelligenz. Warum gerade diese drei Faktoren? Im Lauf der Zeit haben sich kluge Leute zahllose andere, ähnlich überzeugende Systeme ausgedacht. Nur halb im Scherz erläutert Sternberg, daß bei ihm eben immer dreiteilige Theorien entstehen, egal, ob er sich mit der Intelligenz oder der Liebe beschäftigt.