Wie haben Sie eigentlich Erich Kästner kennengelernt?" wurde ich während der letzten Wochen häufiger als während der letzten Jahre gefragt. Ob das der Literaturgeschichtsschreibung hilft? Im übrigen ist die Frage nicht leicht zu beantworten. Es ist alles so lange her ...

Wie die meisten meines Jahrgangs (1921) habe ich zunächst einmal Kästners Kinderbücher kennengelernt. Dann kamen die Gedichte dran, von Herz auf Taille (1928) bis Gesang zwischen den Stühlen (1932). Mit zwölf durfte ich sie eigentlich nicht mehr lesen, denn da waren sie in Deutschland verboten worden. Aber wer wollte, fand schon hier und da ein Exemplar. Da entdeckte ich: "Man hat unsern Körper und hat unsern Geist / ein wenig zu wenig gekräftigt. / Man hat uns zu lange, zu früh und zumeist / in der Weltgeschichte beschäftigt. // Die Alten behaupten, es würde nun Zeit / für uns zum Säen und Ernten. / Noch einen Moment. Bald sind wir bereit. / Noch einen Moment. Bald ist es so weit! / Dann zeigen wir euch, was wir lernten!"

Meine Generation fand das gut. Und bald konnte sie es ja auch nachempfinden. Freilich, wie das so ist mit dem Lernen und dem Zeigen: Es fällt immer etwas anders aus, als man sich das vorgestellt hatte.

Inzwischen hatte ich alles von Kästner gelesen. Mein Lieblingsbuch wurde der Roman vom Fabian. Aber bis ich den Autor kennenlernte, dauerte es noch immer eine Weile. Ich war in Cambridge und in London, er in Berlin und in München. Und die Stimmung hatte umgeschlagen. Die Nachkriegsgeneration sah Kästner anders als wir. Den Bericht verdanke ich Werner Schneyder, dessen Kästner-Biographie die originellste ist: "Den Jungen war über Eltern und Lehrern ein ganzes Lebensalter verdächtig geworden. Alles, was dieser Generation angehörte, konnte nur spießig, faschistoid, Feindbild sein. Erich Kästner war für die, die in den sechziger Jahren zu denken und zu handeln begannen, von vornherein einer von jenen. Er entstammte der Generation, die den Faschismus nicht verhindert hatte ... Es war diesen Jungen eher ein Rätsel, warum ein Verfasser einer Geschichte wie Das doppelte Lottchen von den Nazis geächtet war."

Heute jedoch will keine Zeitung und kein Sender Erich Kästners Geburtstag - es ist der 23. Februar - ungefeiert vorübergehen lassen. Der Bundespräsident gibt einen Empfang. Das Pendel ist offenbar deutlich wieder umgeschlagen, wie Pendel das so an sich haben.

Als wir einander endlich kennenlernten, war es noch das große Thema - Stichwort "innere Emigration": Warum ist er, der doch alle Möglichkeiten, gute Beziehungen und genug Geld hatte, ins Ausland zu gehen, freiwillig im Nazideutschland geblieben?

Das war Ende der fünfziger Jahre, und wenn ich mich an meine ersten Begegnungen mit Kästner zu erinnern versuche, dann sehe ich immer ein Mikrofon zwischen uns. Mal in München, mal in Hamburg, mal in Berlin, in Rundfunk- und Fernsehstudios. Und immer ging es um dieses Thema.