Man sollte mit dem Töten von Amts wegen schlechthin ein Ende machen", gibt der sozialdemokratische Politiker Carlo Schmid am 10. Februar 1949 zu bedenken. Schmid, Justizminister des Ländchens Württemberg-Hohenzollern, hält sich an diesem Tag in Bonn auf und leitet den Hauptausschuß des Parlamentarischen Rats zur Vorbereitung des Grundgesetzes. Auf der Tagesordnung steht die Abschaffung der Todesstrafe. Unmittelbar vor Schmid hat sein Parteigenosse Friedrich Wilhelm Wagner den Antrag gestellt, dazu eigens einen Artikel zu formulieren: "Die Todesstrafe ist abgeschafft." Die Abstimmung über diesen Antrag wird jedoch vorerst noch ausgesetzt.

34 Todesurteile hatten deutsche Gerichte in den drei Westzonen (also Berlin nicht miteingerechnet) bis zur Verkündung des Grundgesetzes noch verhängt, davon waren 15 vollstreckt worden: 13 in Nordrhein-Westfalen, eines in Hamburg und eines in Württemberg-Hohenzollern.

Der letzte Delinquent hieß Richard Schuh. Er stammte aus Remmingsheim bei Tübingen. Am 28. Januar 1948 war Schuh per Anhalter auf dem Weg nach Hause. Der gelernte Mechaniker, Jahrgang 1920, unehelicher Sohn einer Bauerntochter, war 1939 zur Luftwaffe gekommen, wo er unter anderem als Bordschütze bei den Kampffliegern gedient hatte. Nach der Entlassung aus amerikanischer Kriegsgefangenschaft schlug er sich als Gelegenheitsarbeiter durch. "Geschäftlich und privat", sagte nachher bei Gericht ein Zeuge, steckte er zu dieser Zeit "in einer Sackgasse".

Als ihn an jenem Januartag ein Lastwagenfahrer in der Gegend von Herrenberg mitnahm, faßte Schuh spontan einen grausigen Entschluß. Er schoß den hilfsbereiten Mann mit seiner alten Wehrmachtpistole nieder, warf die Leiche an den Straßenrand und fuhr mit dem Laster in einen Wald bei Tübingen. Mit zwei Kumpanen, die er herbeiholte, bockte er den Wagen auf und montierte die nagelneuen Reifen ab, um sie auf dem Schwarzmarkt zu verhökern. Die Sache flog auf, Schuh wurde verhaftet, und am 14. Mai 1948 verhängte Tübingens Landgericht das nicht unerwartete Urteil: Todesstrafe wegen Mord in Tateinheit mit schwerem Raub.

Umstände, die dazu hätten führen können, eine lebenslängliche Freiheitsstrafe auszusprechen, hielten die Richter für nicht gegeben. "Zu Hause", würdigten sie in der schriftlichen Urteilsbegründung Schuhs Verhalten nach dem Krieg, "gelang es ihm in den folgenden Jahren nicht, sich in ein geordnetes bürgerliches Leben einzugewöhnen." Sie betonten, "daß er infolge des langen Krieges und der unseligen, verwirrten Nachkriegsverhältnisse den Respekt vor dem Menschenleben und die Achtung vor den Gesetzen verloren und durch seinen vieljährigen Kriegsdienst mehr eine Erziehung zu Gewalt und Unrecht als eine solche zu Ordnung und Moral genossen hat". Aber: "Dieses Schicksal teilt er mit Unzähligen."

Nie zuvor in der neueren deutschen Geschichte waren so unfaßbar viele Menschen von Richtern zum Tod verurteilt worden wie in den zwölf Jahren Nazidiktatur, in denen linientreue Juristen die Grundlagen dazu geschaffen hatten. Nicht mehr nur Mord war auf diese Weise geahndet worden, in die immer länger gewordene Liste fielen unter anderem auch Hochverrat, Ausspähung militärischer Geheimnisse, Kindesentführung, Zersetzung der Wehrkraft. Von 1940 an mußte sogar mit dem Tode rechnen, wer sich an Metallsammlungen bereicherte, die für die deutsche Kriegswirtschaft bestimmt waren. Allein aufgrund von Urteilen ziviler Strafgerichte, die Militärjustiz also ausgenommen, mußten in der Nazizeit mindestens 16 000 Menschen ihr Leben lassen. Das waren über 50mal soviel wie zwischen 1900 und 1933. In der Weimarer Republik war man schon so nahe an die Abschaffung der Todesstrafe gelangt, daß zuletzt fast kein Todesurteil mehr vollstreckt wurde.

Nach dem Krieg hatten die Alliierten alles, was nicht unmittelbar in Besatzungsrecht eingriff, bald der - überwiegend aus der alten Richterschaft - neu aufgebauten Justiz übertragen. Wie in den anderen Ländern der Westzone galt auch in Württemberg-Hohenzollern das alte Strafgesetzbuch fort. Lediglich solche Bestimmungen waren getilgt worden, in denen man "typischen Nazigeist" vermutet hatte.