Es gibt in der deutschen Literatur eine neue Tendenz, die Welt von der Seite des Pop aufzuschließen. Eine Tendenz, die sich von den deutschen Popvorreitern der Zunft wie zum Beispiel Rolf Dieter Brinkmann (der im übrigen ganz direkt Leslie A. Fiedlers Propaganda für den American way of pop annahm) oder dem jungen Hubert Fichte nicht distanziert, die aber völlig anders ansetzt. Wie etwa Andreas Neumeister aus München. Sein neuer Roman heißt programmatisch Gut laut. Von seiner reihenden und journalhaften Form her steht er in einer Linie mit Neumeisters früheren Büchern, zuletzt Ausdeutschen (1994), einem Roman über Berlin nach dem Mauerfall. Doch nicht nur das Thema ist ein anderes, es hat auch eine andere formprägende Funktion. Es geht um Musik und München, um eine Jugend mit Popmusik und eine Gegenwart, die immer noch vom Rhythmus der Musik strukturiert ist.

Das schlägt direkt durch auf den Stil des Romans. Andreas Neumeister pflegt den kurz angebundenen Aussage- oder Fragesatz, der Inhalt klar umrissen, wenig Verwicklung in lange Geschichten. Irgendwann gab es dies und ein andermal das, und das Wichtige gab es sowieso in den frühen Siebzigern. Da gab es Giorgio Moroder und Boney M und den künstlichen Beat, der so stark ist, daß er in Techno wiederkehrt, und, hört nur zu, auch hier, in Gut laut.

Neumeisters Formideal ist die Liste. Vor allem Songtitel und Bandnamen hören sich aufgereiht gut an. Der Blick auf die Kultur ist mutwillig klassifikatorisch, teils ethnographisch, teils wissenschaftlich inspiriert, was bei miniformatigen Alltagsentwicklungen durchaus komisch wirkt. Die Darstellung geht nicht von der individuellen Person aus, sondern vom Auftauchen und der Häufung der Dinge in der Welt, die dann auch auf den Erzähler treffen, der Teil wird jenes die Dekade prägenden Materialspeichers von Plattenspielern, Musikernamen, Getränken, Verhaltenscodes, Autos, Architektur, Diskotheken, Musik und so weiter. Dabei kehren einige Motive insistent wieder und bilden Refrains. Dazu gehören das Münchner Olympiastadion und die Olympischen Spiele 1972, Moroders legendärer sound of munic. Diese frühe elektronische Musik ist über längere Strecken instrumental, einige wenige Wendungen werden als Refrain wiederholt. Auch Neumeisters baut in sein Serienwerk bestimmte Verdichtungen, Knoten ein, seien es eben die wiederkehrenden Begriffe, Beobachtungen oder Kulturelemente oder biographische Kurzerzählungen von Mädchen, Diskobesuchen und, ganz wichtig: Musikkassettenkunst.

Man kann Gut laut, diesen sich geradezu selbst als Exempel eines postmodernen Popromans stilisierenden Text auch auf dem Hintergrund des deutschen Katastrophenjahrhunderts lesen. Immer wieder streift der Text die "Weltvernichtungskriege", zitiert die stumpfe, verhauste Zeit der fünfziger, die Meinungs- und Verneinungsenergie der politisierten sechziger Jahre und feiert in scharfer Abgrenzung vom historisch Nächstliegenden die Tonträger samt der dazugehörigen Industrie, das Radio und bestimmte Sender, das Fernsehen und überhaupt alle Medienerrungenschaften der letzten zwanzig Jahre, wobei den neuesten Entwicklungen im Verbund von elektronischen Medien und neuer Popmusik n achgerade eine Erlösungsenergie zukommt, Energie hier auch einmal stromtechnisch verstanden.

Der Erzähler, der, den individuellen Narzißmus meidend, sein Ich in Serien spannt, schätzt sich derweil unentwegt glücklich: als Wir der geistes- und technikgegenwärtigen Zeitgenossen. "Sag ja" lautet seine Botschaft, nimm Abschied von Protest und Opposition, den untanzbaren Kulturtechniken unseres dunklen Jahrhunderts (Say yes hieß übrigens die Produktionsfirma Giorgio Moroders). Das darf man Wiederauferstehung des Narzißmus im Kollektiv der ersten vollends popgeprägten Generation nennen - "bin ich froh, daß ich nicht ohne Marc Bolan aufwachsen mußte". Die Gegenwart ist sein Begehr, das Hier und Jetzt gelöst in Musik, im Drogenrausch, in Liebe und Sex - "Brian Ferry sagt: love is the drug".

Man kann dies als Kunstanstrengung verstehen, eine musikalisch gesteuerte hedonistische Augenblicksverehrung von innen her darzustellen. Zugleich bleibt ein energischer Abwehrgestus spürbar, Abwehr von Reflexion, Aufschub, Identitätsbildung, vulgo: Erwachsenwerden. Aber diese Abwehr ist eben in der Form selbst reflektiert, in der Kampfzone zwischen Verführbarkeit und Distanznahme. Ob man von der Suggestivität dieser durchrhythmisierten Prosa erfaßt wird, hängt nicht zuletzt davon ab, wie man mit den Pop- und Mediengeschichten vertraut ist. Wenn man nicht weiß, daß Marc Bolan der Sänger von T. Rex war und Tyrannosaurus Rex nicht nur ein von Spielberg wiederbelebter Saurier ist, wird man nicht nur vom Autor bedauert, sondern spürt auch nicht viel.

Eine gewisse Pointe liegt zweifellos darin, daß Neumeister einerseits die technologische und internationale, die abhebende, lösende, entwurzelnde, auch spacig genannte Seite der Popkultur so stark betont - die Disko im alten Münchner Flughafen ist denn auch als Tanzplatz zugleich Metapher - und daß er zugleich eine Art Heimatkult um sein Munic betreibt. So daß wir es mit dem paradoxen Fall zu tun haben, daß ein Roman das Grenzüberwindende, Austauschfördernde, universell Kommunikative von Technik und Musik feiert und zugleich dies alles im Münchner Boden tief verwurzelt sein läßt. Ein Programm, das dem der modernen CSU unter Stoiber nicht unverwandt ist.