Irgendwann in den mittleren siebziger Jahren müssen die Noten für schulisches Betragen einer damals in der Bundesrepublik verbreiteten Überzeugung zum Opfer gefallen sein. Diese lief wohl darauf hinaus, daß man mit Sekundärtugenden wie Sauberkeit und Pünktlichkeit auch ein KZ führen könne, dergleichen also nicht gesondert im Zeugnis bewertet werden müsse. In die Lehrpläne und Schulgesetze rückten ersatzweise andere wünschenswerte Erziehungsziele ein, etwa kommunikative Kompetenz, Kritik- und Konfliktfähigkeit.

Im Staatssozialismus war das natürlich anders: Betragen, Fleiß, Mitarbeit und Ordnung (wohinein schon mal der freiwillige Ernteeinsatz oder das Engagement beim Pioniernachmittag einfloß) wurden gnadenlos benotet. Doch dann kam das Jahr 1989 und fegte in einer freiheitlichen Aufwallung die DDR und mit ihr auch die sogenannten "Kopfnoten" hinweg. (Kopfnote nannte man die Betragenszensur, weil sie am Kopf des Zeugnisses aufgeführt wurde.)

Fortan dichtete die gesamtdeutsche Lehrerschaft - mochte sie es nun für sinnvoll und pädagogisch geboten halten oder nicht - blumige Zeugnisprosa: Wenn zum Beispiel Michael aus der vierten Klasse seine Mitschüler drangsalierte, vermerkte seine Lehrerin, daß er vorhandene Antipathien leider nur schwer überwinden könne. Wenn Sven Lehrer und Mitschüler schlug (wozu er bedauerlicherweise neigte), schrieb sie, er habe große Probleme mit sich, mit Lehrern und mit Mitschülern, und es falle ihm schwer, Rangfolgen und Regeln einzuhalten. Mareike hingegen, einem Musterkind, konnte die Pädagogin bescheinigen, sie sei feinfühlig, habe ein Gespür für Minderheiten und gebe ihr Wissen und Können bereitwillig an andere weiter.

Ebenfalls feinfühlig und mit einem gewissen Gespür für die Wünsche der Eltern und Wähler, vielleicht aber auch für die Notwendigkeiten unserer Zeit ausgestattet ist offenbar der sächsische Kultusminister Matthias Rößler. Dessen Ministerium ließ dieser Tage wissen, daß im Lande Sachsen das Betragen der Zweit- bis Zehntkläßler (ungeachtet allerdings ihres Ernteeinsatzes) künftig wieder mit Zeugnisnoten bewertet werde. Anscheinend handelte es sich bei diesem Vorstoß nicht um eine reaktionäre Aufwallung, wie manche KollegInnen von der GEW argwöhnen mögen, sondern um die Auswertung einer Telefon-Hotline-Aktion, mittels derer der Minister, ungewöhnlich genug, in regelmäßigen Abständen die Stimmung unter den von seiner Amtsführung betroffenen Eltern, Lehrern und Schülern zu ergründen sucht.

Auch letztere haben, jedenfalls soweit sie durch den Landesschülerrat vertreten werden, durchaus nichts gegen die Benotung ihrer Ordnungsliebe und ihres Fleißes einzuwenden. Vielleicht leuchtet ihnen ja das Argument des Ministers ein, eine klare, uninterpretierbare Note könne das richtige Signal sein, wenn etwas aus dem Ruder laufe.

Wie soll die Jugend auch nicht verwirrt sein? Daß die berüchtigten Sekundärtugenden maßgebliche Elemente des "Standortfaktors Bildung" seien, daß die Aufgabe der Schule geradezu darin bestehe, "Tugenden wie Verantwortungsbewußtsein, Zuverlässigkeit und Disziplin" zu vermitteln, kann man heute schließlich nicht nur in den Erklärungen der Industrie- und Handelskammern lesen, sondern auch in Keine Angst vor der Globalisierung, der zentralen politischen Schrift von? Genau: Finanzminister Oskar Lafontaine.