Neulich habe ich Gloria wiedergesehen, in einem Kino in Santa Monica. Sie trug blonde Locken und ein geschlitztes schwarzes Samtkleid, das vorn von Sicherheitsnadeln zusammengehalten wurde, so wie es vor ein paar Jahren Mode war. Wie einst lief sie mit Riesenschritten auf Stöckelschuhen durch New York, um den kleinen Jungen, der durch Zufall in ihre Obhut geraten war, vor den Kugeln ihrer Gangsterfreunde zu retten. Aber sie sah nicht wie Gena Rowlands aus, die Gloria, die ich kannte, sondern mindestens zehn Jahre jünger. Sie sah aus wie Sharon Stone.

Sharon Stone spielt die Titelrolle in Gloria, einem Film von Sidney Lumet, der Ende Januar in die amerikanischen Kinos kam. Man merkt ihr an, daß sie sich diesen Film gewünscht hat, daß sie es genießt, Gloria zu sein, eine halb verblühte Ganovenbraut von der Lower East Side, die sich in Todesgefahr zu furchtloser Menschenliebe aufschwingt. Und es gibt Momente in Gloria , die man sich ausschneiden und mit nach Hause nehmen möchte, Szenen einer linkischen Zärtlichkeit zwischen der großen weißen Frau und dem kleinen Puertoricaner auf ihrer verzweifelten Flucht durch die Stadt. Aber Sidney Lumets Regie läßt ihre Figuren immer wieder im Stich. Es ist, als könnte Lumet, der mit Filmen wie Die zwölf Geschworenen , Hundstage und Network amerikanische Kinogeschichte geschrieben hat, sich nicht vom schlechten Gewissen frei machen, das jede gutgemeinte Fälschung begleitet. Denn so gewiß Gloria ein Werk der Liebe ist, so sicher ist dieser Film auch ein dreister Schwindel, die Wiederholung eines Ereignisses, das keine Wiederholung braucht.

In diesem Alter gibt es noch keine Kino-Erinnerungen, keine Déjà-vus, keine Nostalgie. Die Vorbilder stammen aus dem Fernsehen (wie das Teenager-Idol Adam Sandler, dessen Baseball-Komödie The Waterboy in den amerikanischen Multiplexen über 150 Millionen Dollar einspielte) oder aus Cartoons (wie die in Windeln steckenden rugrats , die Abziehbilder der "kleinen Strolche" von einst, deren Rugrats Movie ebenfalls zu den Gewinnern im Vorweihnachtsgeschäft zählte). Und die Sehnsüchte reichen selten über den Horizont der High-School hinaus. Für dieses Publikum ist Rambo ein Gespenst von gestern und Sean Connery ein Dinosaurier. Es hat kein Gedächtnis, aber einen unstillbaren Hunger nach Unterhaltung.

Deshalb ist es ein so naheliegendes wie tragisches Mißverständnis, wenn Regisseure wie Sidney Lumet und Gus van Sant - dessen Psycho -Remake auf ähnliche Weise kraftlos wirkt wie Lumets Gloria - den Klassikern des Kinos durch Neuverfilmung ein zweites Leben zu schenken versuchen. Die Stories von einst sind vom Prozeß der Musealisierung sowenig ausgenommen wie die Kameras und Mikrofone, mit denen sie erstmals auf Zelluloid gebannt wurden. Hitchcocks Psycho war 1960 ein Schocker, heute ist er ein Kunstwerk. Van Sant, der den Film von Szene zu Szene nachinszeniert wie eine Partitur, kann ihm die Schocks, die wir nicht mehr fühlen, nicht wiedergeben. Statt den Stoff zu verjüngen, entrückt er ihn uns noch mehr. So erreicht er weder das junge Publikum, welches das Original nie gekannt, noch das ältere, welches es nie vergessen hat. Der einzige sichtbare Effekt, der von Lumets und van Sants Hommagen ausgeht, ist die Schwächung ihrer Vorlagen. Der Epigone zerstört, was er begehrt. Bücher sterben an ihren Verfilmungen. Filme sterben an ihren Remakes.

Dabei ist die Wiederverwertung bewährter Kinostoffe im Hollywood der großen Studios gang und gäbe. Aber es sind nicht die Meisterwerke, sondern die biegsameren Geschichten zweiter und dritter Güte, die aus dem Videograb wieder auf die Leinwand gelangen. Gerade hat Tony Scott mit Erfolg Motive aus Francis Ford Coppolas Debütfilm The Conversation in Enemy of the State (Der Staatsfeind Nr. 1) wiederbelebt, und für Mitte Juni ist John McTiernans Remake von Normans Jewisons Gangsterkomödie The Thomas Crown Affair (Thomas Crown ist nicht zu fassen) angekündigt.

Wenn sich doch einmal ein Klassiker in die Maschinerie verirrt, muß er mindestens gegen den Strich gebürstet werden. Nora Ephrons You've Got Mail ( e-mail für Dich ) verlegt nicht nur den Plot von Ernst Lubitschs Rendezvous nach Ladenschluß von Budapest nach New York, sondern stellt auch den Sinn der Vorlage auf den Kopf. Aus dem Märchen vom Triumph der Liebe über die Warenwelt wird ein Hohelied auf weibliche Unterwerfung und männliche Tüchtigkeit. Meg Ryan und Tom Hanks verkaufen diesen Quark mit eiserner Inbrunst. Und der Internet-Anbieter AOL freut sich über die Werbemaßnahme: "Sie haben Post!" tönt es aus der digitalen Mailbox auch bei uns zu Haus.

Wer den Sunset Boulevard in Los Angeles in westlicher Richtung hinabfährt und nach rechts in eine der Wohngegenden abbiegt, die den Saum der Santa Monica Mountains bedecken, kommt in eine Welt, die den Sündenfall verpaßt hat. Hier verstummt der Lärm der Stadt. Armut und Rassenkrawalle sind unbekannt. Perfekt gestutzte Hecken beschirmen strotzende Rasenstücke, zu Tode gechlorte Swimmingpools schimmern bläulich zwischen Gärten und Garagen, und an blendend weiß gekiesten Auffahrten blühen Orchideen und Oleander. Landhäuser im toskanischen und Villen im viktorianischen Stil reihen sich in gebührendem Abstand aneinander, von Fluten und Feuersbrünsten unbeleckt. Hinter den beige oder hellblau vom Familienglück lispelnden Fassaden mögen Scheidung und Bankrott lauern, doch der Vorbeifahrende merkt davon nichts. Es ist das Amerika der fünfziger Jahre, das hier als architektonische Phantasmagorie wiederkehrt, ein Land vor den Schüssen von Dallas und My Lai, eine archaische Väterwelt, die von Schwarzen Panthern und Blumenkindern noch nichts weiß.