Pünktlich zum 100. Geburtstag des Schweizer Diplomaten, Schriftstellers und Historikers Carl J. Burckhardt hatte Paul Stauffer 1991 mit einem überaus kritischen Buch Aufsehen erregt. Unter dem Titel Zwischen Hofmannsthal und Hitler war seinerzeit eine Attacke gegen den "eitlen Fabulierer" erschienen. Stauffer konnte einige Ungereimtheiten bei der Niederschrift von Burckhardts 1960 erschienenen Erinnerungen an dessen "Danziger Mission" als Hochkommissar des Völkerbundes in den Jahren 1937 bis 1939 aufdecken, verlegte sich ansonsten jedoch bevorzugt auf das Feld der Spekulation. Jetzt hat er mit leiserer Begleitmusik ein weiteres Buch vorgelegt: Sechs furchtbare Jahre ist weniger Lebenserzählung als faktenreiche Monographie und handelt ausschließlich von Burckhardts Rotkreuztätigkeit in den Jahren 1939 bis 1945.

Wer eine Vertiefung der Hypothese von 1991 erwartet, wird enttäuscht. Denn Stauffer breitet auf 500 fußnotengesättigten Seiten mit Liebe zum Detail aus, was aus anderen Publikationen längst bekannt ist. Burckhardt war im Winter 1939/40 Kontaktmann der konservativen deutschen Opposition zur britischen Regierung Chamberlain, der seine Rotkreuzmissionen zum Austausch mit Außenminister Halifax über die Aussichten eines Staatsstreiches in Deutschland nutzte. Burckhardt blieb auch in späteren Jahren Hoffnungsträger des deutschen Widerstandes, als Adam von Trott und andere in immer aussichtloserer Situation - seit Januar 1943 galt die Parole des unconditional surrender - jeden noch so dünnen Gesprächsfaden aufgriffen, um dem "anderen Deutschland" in der freien Welt Gehör zu verschaffen.

Der Name Burckhardts fiel immer dann, wenn die Offiziellen der Schweiz im Angesicht der nationalsozialistischen Bedrohung - wie im Sommer 1940 und Frühjahr 1941 - darüber nachdachten, den deutschen Nachbarn durch eine Sondermission gewogen zu stimmen. Wie nur ganz wenige Ausländer fand der einstige Hochkommissar auch während des Krieges bei den Nationalsozialisten ein offenes Ohr. Im August 1943 war Burckhardt in Berlin Gesprächspartner eines bramarbasierenden Reichsaußenministers Ribbentrop und ging in seinen geheimen Gesprächen mit oppositionellen Deutschen bisweilen gefährlich weit an die Grenze dessen, was mit seiner Position als Präsidiumsmitglied des Internationalen Komitees des Roten Kreuzes und als neutraler Schweizer zu vereinbaren war. Dies erklärt, daß sich Burckhardt nach dem Krieg vornehmlich in Schweigen hüllte, wenn er auf seine Missionen hinter den Kulissen angesprochen wurde.

Als Person bleibt Burckhardt blaß, die private Seite, seine inneren Kämpfe und Leidenschaften, unerwähnt, die reiche Korrespondenz unberücksichtigt. Vom Esprit und Charme des Baslers schimmert lediglich ein bloßer Abglanz durch, wenn Burckhardt im Zitat zu Wort kommt. Diese Passagen stehen in ihrer stilistischen Meisterschaft in offenkundigem Gegensatz zum trockenen Nominalstil Stauffers. Gezeichnet wird das Bild eines "am strikt caritativen Ertrag seiner Rotkreuzarbeit" Desinteressierten, der in den "sechs furchtbaren Jahren" einen verlorenen Lebensabschnitt erblickte.

Stauffer beherrscht den insinuierenden Soupçon und ist Meister des Konjunktivs. In seinem weit über den zeitlichen Gegenstand der Monographie hinausreichenden Epilog spricht er vom "Grund zur Annahme", daß Burckhardt bei der Publikation des Briefwechsels mit Hofmannsthal "an manchen seiner eigenen Briefe Retuschen vorgenommen, sie gedanklich angereichert, ja einzelne davon sogar verfaßt haben könnte". Paul Stauffer setzt Fragezeichen. Belege für seine Behauptungen bleibt er schuldig.

Paul Stauffer: Sechs furchtbare Jahre ... Auf den Spuren Carl J. Burckhardts durch

den Zweiten Weltkrieg; Verlag Neue Zürcher