Rolf Bloch ist Jude. Geboren 1930 in der Schweiz. Wohlbehütet groß geworden als Sproß einer Schokoladendynastie, erfuhr er nach dem Zweiten Weltkrieg von den Greueltaten der Nazis an seinen Glaubensbrüdern. Heute hilft Bloch. Als Präsident des Schweizerischen Fonds zugunsten bedürftiger Opfer von Holocaust und Shoa hat er die Auszahlung von bis jetzt 86 Millionen Schweizer Franken an notleidende Überlebende organisiert. Der Inhaber der Süßwarenfabrik Camille Bloch reist selbst zu den Opfern in den Osten Europas, "wo die Not am größten ist". Die Erlebnisse aus Minsk oder Kiew lassen ihn nicht mehr los: "Über 90jährige Juden vegetieren dort in Verschlägen. Nur noch Haut und Knochen, leben sie von 30 Mark Rente im Monat." Da sind die vom Fonds bereitgestellten Beträge von bis zu 2000 Franken oft ein Vermögen.

Finanziell ausgestattet wurde Blochs Institution von der schweizerischen Wirtschaft. In die Enge getrieben wegen der lukrativen Komplizenschaft mit Nazideutschland, traten Helvetiens Bosse die Flucht nach vorn an: Industrie, Nationalbank und Geschäftsbanken übertrugen 273 Millionen Franken an den Staat, der 1997 den Fonds schuf. "Gemäß der humanitären Tradition der Schweiz", hieß es, habe sich die Regierung dazu entschlossen. Dabei handele es sich allerdings nicht um "Wiedergutmachung". "Die müßte ja vom Schädiger erbracht werden. Wir leisten nur einen Akt der Solidarität", erklärt Bloch. Seine Ernennung zum Präsidenten des Fonds erwies sich als Glücksfall: Sein Amt als Präsident des Israelitischen Gemeindebundes gibt ihm Autorität.

Neben Bloch stehen zwei weitere Persönlichkeiten für den Versuch, mit der Schuld umzugehen. Der Zürcher Wirtschaftshistoriker Jean-François Bergier hat die unrühmliche Rolle der Schweiz als Drehscheibe für das von den Nazis geraubte Gold erforscht. Ex-US-Notenbankchef Paul Volcker bekam den Auftrag, die schweizerischen Geldhäuser zu durchkämmen und die von den Banken totgeschwiegenen Konten der Holocaust-Opfer aufzuspüren. Die Beträge werden von jenen 1,25 Milliarden Dollar abgezogen, auf die sich die beiden größten Schweizer Geschäftsbanken, UBS und Crédit Suisse, als Vergleichssumme mit jüdischen Organisationen geeinigt haben. Unter massivem Druck von US-Boykottdrohungen erkauften sich die Eidgenossen im August 1998 mit dem Milliardendeal eine Garantie: Schweizerische Institutionen werden wegen ihrer braungefleckten Vergangenheit finanziell nicht mehr belangt.

Im Gegensatz zu den Großbanken und den jüdischen Organisationen, die ihren Konflikt mit feindseliger Rhetorik orchestrierten, konzentriert sich der Bloch-Fonds auf die Arbeit. Dabei kämpfen sie gegen die Zeit. "Von den 70 000 lettischen Juden entkamen nur 304 den deutschen Verbänden. Im vergangenen Frühjahr lebten davon noch 80", berichtet Bloch. Die meisten der 250 000 Menschen, die als Empfänger der Fondsgelder in Frage kommen, vermutet Bloch in Osteuropa. Neben den dort noch lebenden Juden können auch Roma, Sinti, Homosexuelle, Zeugen Jehovas, als "Juden verdächtigte Christen", Widerstandskämpfer, kurz alle, die in das Verfolgungsschema der Nazis paßten, Gesuche an den Fonds richten. Für jüdische Überlebende sind 88 Prozent der Mittel reserviert. Bedürftige Naziopfer dürfen die Anträge nicht selbst stellen, sondern müssen Institutionen wie die World Jewish Restitution Organization einschalten. "Die sind am besten geeignet, die Lage der Opfer zu beurteilen und die Hilfe zu verteilen", sagt Bloch.

Genau dieser Umweg hat den Holocaust-Fonds jedoch ins Gerede gebracht. Der in Hamburg ansässige Roma-Dachverband Roma National Congress (RNC) behauptet, daß Naziopfer durch Partnerorganisationen von Bloch geprellt worden wären. Mitarbeiter des Verbandes Roma in Auschwitz hätten anstatt 1500 Schweizer Franken nur 1500 polnische ZIoty an überlebende Roma in Polen ausbezahlt. Den Rest hätten sie sich in die eigene Tasche gesteckt. Die vermeintlichen Helfer hätten so Millionenbeträge unterschlagen.

Bloch und seine Mitstreiter haben "die Vorwürfe sehr ernst genommen". Die Revisionsgesellschaft Atag Ernst & Young konnte der polnischen Partnerorganisation jedoch keine Unregelmäßigkeiten nachweisen, betont Bloch. Dennoch hat die Hamburger Roma-Organisation Anzeige gegen Unbekannt bei der Berner Justiz eingereicht. Obwohl der Fonds sich nichts zuschulden kommen ließ, trifft die Moralkeule hart: Bloch und seine Leute hätten "einen Selbstbedienungsladen für die Holocaust-Industrie eingerichtet".