Waldkirch

Was haben wir uns darunter vorzustellen, wenn wir lesen, irgendwie seien sie doch alle in den Nationalsozialismus, seine Kriege und seine Verbrechen, "verstrickt" gewesen, die Nazis und die Mitläufer, die Männer und die Frauen, die Wissenschaftler und die Journalisten, die Schuldigen und die Unschuldigen?

Der vormalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker mahnte in seiner Rede zum 8. Mai 1985 eine klare Sicht und Sprache an: "Schonung unserer Gefühle durch uns selbst oder durch andere hilft nicht weiter. Wir brauchen und wir haben die Kraft, der Wahrheit, so gut wir es können, ins Auge zu sehen, ohne Beschönigung und ohne Einseitigkeit." Zugleich benutzte jedoch auch er, wie viele vor ihm, das nebulöse Bild von der "schuldhaften Verstrickung in Krieg und Gewalt". Den, der behaupte, "nichts gewußt oder auch nur geahnt zu haben", rief von Weizsäcker auf, sich "heute im stillen selbst nach seiner Verstrickung" zu fragen.

Innerhalb der Bundeswehr ist in bezug auf die Soldaten der Wehrmacht ebenfalls ständig von "Verstrickung" die Rede. Im Traditionserlaß des damaligen Verteidigungsministers Hans Apel vom 20. September 1982 heißt es: "In den Nationalsozialismus waren Streitkräfte teils schuldhaft verstrickt, teils wurden sie schuldlos mißbraucht." 13 Jahre später wurde in einer internen Expertise des Führungsstabes der Streitkräfte etwas genauer formuliert: "Die Wehrmacht war partiell an der nationalsozialistischen Gewaltpolitik beteiligt, je länger, desto nachdrücklicher. Sie war mit Fortschreiten des Krieges zunehmend auch in die Verbrechen Hitlers und seines Regimes verstrickt. (...) Die Einbindung der Wehrmacht in den nationalsozialistischen Staat, ihre - wenn auch mißbräuchliche - Instrumentalisierung für die verbrecherische Politik des Regimes sowie schuldhafte Verstrickung von militärischen Führern und Soldaten aller Dienstgrade in dessen Untaten lassen die Wehrmacht als Ganzes keine Tradition für die Bundeswehr begründen." In diesem Sinne äußerte sich auch Volker Rühe im November 1995.

Der 42. Deutsche Historikertag 1998 entdeckte die "Verstrickung" namhafter deutscher Historiker wie Theodor Schieder und Werner Conze. Schieder hatte sich an den Plänen zu einer gigantischen "Umsiedlung" in Osteuropa beteiligt, Conze sich für die "Entjudung" Osteuropas zur Bekämpfung der "Überbevölkerung" ausgesprochen. Götz Aly bezeichnete beide Historiker deshalb als "Vordenker der Vernichtung". Der Berliner Historiker Peter Schöttler fragte nach: Was aber "heißt eigentlich Verstrickung"? Man habe in der Vergangenheit den Nationalsozialismus jeweils so eng definiert, "daß kein Historiker durch das Nadelöhr paßte". Nun müsse man genau fragen, ob die Wissenschaftler "nur Propagandamaterial lieferten oder ob sie den Eroberungskrieg und die Judenpolitik bewußt unterstützten".

Wörtlich genommen bedeutet der Begriff Verstrickung, jemanden mit Stricken zu "umschnüren", also zu fesseln. Im übertragenen Sinne ist gemeint, "jemand in etwas für ihn Unangenehmes hineinzuziehen", aber auch, "sich durch sein eigenes Verhalten in eine schwierige, mißliche oder ausweglose, verzweifelte Lage zu bringen". Das Verstrickt-Sein besteht also aus zwei Komponenten, einer eher passiven und einer eher aktiven. Zum einen meint es: gefesselt zu sein, machtlos zu sein, nicht aus freiem Willen handeln zu können, fremdem Willen ausgeliefert sein, eigentlich Opfer zu sein, wie Karl Fruchtmann einmal bemerkt hat. Zum anderen geht es um das eigene Verhalten, durch das man sich in eine mißliche Lage bringen - oder eben dieses vermeiden kann.

Mitwisser und Wegschauer werden zu wehrlosen Opfern