Arpad Pusztai liebt Lektine. Wer das Wohnzimmer des 69jährigen schottischen Forschers betritt, taucht unweigerlich in die Welt dieser rätselhaften Pflanzenstoffe ein. Man speist von Tellern, die Bilder von Krokussen oder Zwiebeln zieren, und trinkt Tee aus Tassen mit Schneeglöckchen-Motiv. Darauf steht: Galanthus Nivalis Agglutinin (GNA), zu deutsch: Schneeglöckchenlektin.

Wer dem gebürtigen Ungarn in seinem Granitsteinhaus im schottischen Aberdeen begegnet, kann kaum glauben, daß dieser nachdenkliche Wissenschaftler eine neue Schockwelle in der Gentechnikdebatte ausgelöst hat - mit Forschungen über Kartoffeln, denen das Gen für das Schneeglöckchenlektin verpflanzt worden ist, um sie mit diesem Eiweißstoff besser vor Schadinsekten zu schützen. Aufwendige Fütterungsversuche mit einer bisher nur im Labor gezüchteten Genkartoffel haben Pusztai überzeugt, daß es bei den Zulassungsverfahren für gentechnisch veränderte Lebensmittel gravierende Testlücken gibt.

Pusztai kannte die Zulassungsunterlagen für jene gentechnisch veränderten Mais- und Sojapflanzen, die seit 1996 von den europäischen Behörden zum menschlichen Verzehr freigegeben wurden. Fütterungsversuche mit Ratten, wie er sie gemacht hatte, suchte er dort vergeblich. Die Behörden hatten sie nicht für notwendig erachtet. Er wollte das Testdefizit öffentlich zur Diskussion stellen - mit Billigung seines Institutsdirektors Philip James.

Zwei Tage später war Pusztai seinen Job los. Von seinem Arbeitgeber, dem Rowett-Institut in Aberdeen, wurde er als verirrter Forscher bloßgestellt, der Fälschung bezichtigt und juristisch zum Schweigen verdonnert. Er habe über unveröffentlichte und unfertige Ergebnisse gesprochen. Sein Labor wurde geschlossen. Selbst die zunächst über angebliche Gesundheitsschäden durch Gennahrung besorgten Medien überschütteten Pusztai plötzlich mit Häme. Er habe lediglich bewiesen, daß eine Pflanze eben Gift für Ratten sei, wenn man ihr per Gentechnik ein giftiges Lektin einpflanze. Es sei "furchtbar verletzend" gewesen, all diesen "Unsinn" lesen zu müssen, ärgert sich Pusztai.

Vor zwei Wochen erklärten dann überraschend 23 internationale Wissenschaftler in einem Memorandum, Pusztai sei Unrecht geschehen, er gehöre rehabilitiert. Der Streit um "Frankenfood" trieb sogar Prinz Charles und Tony Blair in eine Kontroverse. Mehrfach mußte der britische Premierminister versichern, die schon zugelassenen Genlebensmittel seien sicher. Umweltgruppen hingegen forderten erneut ein Moratorium für Gen food.

Nur Pusztai wurde nicht gefragt. "Dabei bin ich weder für ein Moratorium noch gar für ein Verbot der grünen Gentechnik", erklärt er. "Ich sage nur, daß wir neue und aufwendigere Testmethoden brauchen, um garantieren zu können, daß gentechnisch veränderte Lebensmittel sicher sind." Genau das habe ihn seine Erfahrung mit dem Schneeglöckchenlektin gelehrt.

Als er die Fütterungsversuche mit transgenen Kartoffeln begann, war dieses Projekt Teil eines umfassenden Forschungsprogramms mehrerer schottischer Institute. Die Wissenschaftler wollten Lektin-Gene suchen, die Pflanzen eine Resistenz gegen Insekten und Würmer verleihen und "keine Gesundheitsgefahren für den Menschen bewirken". Letzteres im Tierversuch zu testen war Pusztais Aufgabe.