Ja, das stimmt: Es muß sich Zeit nehmen, wer diesen Roman genießen möchte, und wer ihn schnell liest, verliert seine Zeit. Das schrieb die holländische Zeitung De Morgen über Cees Nootebooms Allerseelen . Und es stimmt zugleich nicht. Genießen kann dieses Buch nur, wer Trauer als einen Genuß betrachtet.

Zeit verlieren, Zeit gewinnen. Die Alltagsrede wirkt auf einmal flach, wenn man die vertrackten Botschaften und die verhangenen Landschaften Nootebooms durchwandert. Es sind die europäischen Landschaften des Zweifels und der Erleuchtung, des Haders und der Weisheit, Landschaften der Geschichte, der Philosophie, der Abschiede und der Liebe. Am Ende verspürt man eine starke Trauer, und die ist vielleicht kein Genuß, aber ein Gewinn. Für einen Augenblick ist man imstande, der vergehenden Zeit ins Angesicht zu sehen, ohne den Fluch der Vergänglichkeit zu empfinden.

Ein Berlin-Roman ist Allerseelen nicht allein, weil Berlin der Hauptschauplatz ist. Der Dokumentarfilmer Daane hat die Welt gesehen, ihre friedlose, bedrückende Seite, die Kriege, die Slums, die verbrannte Erde. In Berlin bleibt er, weil es keinen anderen Ort gibt, der die Katastrophen dieses Jahrhunderts derart gnadenlos sichtbar macht, daß nur die Verdrängung es erlaubt, dort zu existieren. Jede Straßenecke, jeder Keller, jede Baulücke erzählt dem, der es hören kann, die unerhörte Geschichte.

Arthur Daane, weil er ein Fremder ist (und fremd wird er bleiben, fremd von Anfang an), erkundet mit dem erstaunten Blick des Ethnologen ein Gelände, das wir, die Deutschen, zu kennen glauben, aber, flanieren und denken wir zusammen mit ihm, in Wahrheit nicht kennen - dank jener alltäglichen Amnesie, für die Daane großes Verständnis, ja Sympathie zeigt. Denn wie soll man leben, wenn der Hekatombendruck der Toten jeden Atemzug zu ersticken droht.

"Kaiserreich, Revolution, Versailles, Weimar, Wirtschaftskrise, Hitler, Krieg, Besetzung, Ulbricht, Honecker, Wiedervereinigung, Demokratie. Doch eine eigenartige Wegstrecke, würde man sagen. Und noch immer in derselben Stadt, mitgemacht oder nie mitgemacht, auf der richtigen Seite, auf der falschen Seite, zwei, drei, vier Vergangenheiten, die in sich zusammengebrochen sind, ein ganzes Geschichtsbuch hat sich in diese Gesichter gekerbt, Kriegsgefangenschaft in Rußland, im Widerstand gewesen oder mitgelaufen, Scham und Schande, und dann wieder alles weg, verschwunden, Fotos in einem Museum, Fähnchen schwenkend, Erinnerungen, Puder, nichts mehr, nur noch die anderen, die nichts davon begreifen." So spricht Arthurs Freund Victor, und ein andermal sagt er: "Wir sind die größten Helden der Geschichte, wir müßten bei unserem Tod alle dekoriert werden. Keine Generation hat je so viel wissen, sehen, hören müssen, Leid ohne Katharsis, Scheiße, die man in den neuen Tag hineinschleppt."

Die Gegenwart verschwindet in den Spuren im Schnee

Allerseelen ist ein historischer Roman, denn das Vergehen von Zeit und also das Vergessen gebiert Geschichte. Sie beginnt, wenn Erinnerung versagt und zugleich not tut. Aber wann genau? Schon Begriffe wie Berliner Mauer, Vopo und Stasi sind erklärungsbedürftig. "So etwas konnte man schon jetzt nicht mehr erklären. Wer es nicht miterlebt hatte, konnte es nie mehr nachempfinden, und wer es mitgemacht hatte, wollte nichts mehr davon wissen."