Die zwei Männer leben in der kleinen Stadt Celle. Sie wohnen schon viele Jahre hier, nicht weit voneinander entfernt. Beide sind Kurden. Ihre Namen dürfen nicht genannt werden, nicht einmal ihr Alter und auch nicht die Orte, an denen sie geboren wurden. Denn das Thema, über das sie sprechen, ist die verbotene Arbeiterpartei Kurdistans, die PKK.

Der eine hat Tränen der Erschütterung in den Augen. Apo Öcalan, der Chef der PKK, der "Gott der Kurden", wie er ihn nennt, ist in der Hand der Türken: "Sie werden ihn foltern, sie werden ihn töten." Den ganzen Tag lang hat das türkische Fernsehen den gedemütigten PKK-Führer auf den Bildschirm gebannt. Der Kurde aus Celle ruft: "Wäre ich nur jung und ohne Familie. Tag und Nacht würde ich für die PKK arbeiten. Sie ist der einzige Freund der Kurden. Und sie nimmt nur die Besten von uns. Nur ehrliche, korrekte, vernünftige Leute mit starkem Willen. Denn sie kämpft für hohe Ziele: für Frieden und Menschenrechte, für die Armen und für die Schwachen. Sie tut es aus Liebe zu unserem Land, aus Liebe zu unserem allein gelassenen Volk."

"Und doch bin ich froh, daß Öcalan festgenommen worden ist", sagt der zweite Kurde, "die PKK wird führerlos sein und sich zersplittern." Die Zukunft der Partei hänge jetzt davon ab, ob Öcalan sich vor Gericht politisch verteidigen könne und wie er sich dann verhalte. "Bleibt er hart", sagt der Gewährsmann, "hält er eine flammende Rede auf den Patriotismus und wirft er den Türken öffentlich vor, sie hätten den Kurden den Krieg aufgedrängt, dann ist er ein Märtyrer und die PKK stark wie nie, auch wenn er hingerichtet werden sollte. Knickt er dagegen ein - was ich für wahrscheinlicher halte, denn er ist ein Angsthase - und entschuldigt sich bei den Türken, ,es tut mir so leid', dann werden sich alle von ihm und seiner Partei abwenden."

Zwei Stimmen in der Kakophonie der 500000 Kurden in Deutschland. Seit der Verschleppung des PKK-Anführers Öcalan in die Türkei ist die weltgrößte kurdische Exilgemeinde in Aufruhr und in Verwirrung geraten. Was gilt und künftig gelten soll, weiß unter Öcalans Gefolgsleuten niemand mehr. Die Kadertruppe steht am Scheideweg: Werden sich Tauben oder Falken durchsetzen? Wird die PKK die Verhaftung ihres "großen Führers" nutzen, um sich von der Terrorgruppe zur politisch agierenden Befreiungsbewegung zu wandeln, wie es die mäßigenden Stimmen im kurdischen Exilsender MED-TV nahelegen? Oder trägt sie, jetzt erst recht, den Terror in die Städte?

Innenminister Schily will gegenüber Gewalttätern "klare Kante" zeigen

Zunächst haben die Radikalen die Straße erobert, aufgeputscht von den demütigenden TV-Bildern ihres Idols. Auf eine Woche militanter Proteste blickt Europa nun zurück, und das Epizentrum der Gewalt ist Deutschland. Das Bundeskriminalamt zählte 26 Brandanschläge auf türkische Vereine, Gaststätten oder Geschäfte, 14 Besetzungen diplomatischer Vertretungen und 14 Aktionen gegen deutsche Einrichtungen, 500 vorläufige Festnahmen, 44 verletzte Polizisten - und drei Tote: junge Kurden, die von israelischen Wachleuten beim Sturm auf Israels Generalkonsulat in Berlin erschossen worden waren.

Die Bundesregierung reagierte streng. "Klare Kante", sagt Innenminister Otto Schily, wolle er künftig gegenüber Gewalttätern zeigen (siehe Maß halten! auf Seite 17). Die relativ weiche Linie seines ansonsten eisernen Vorgängers Manfred Kanther ist jetzt perdu. Dessen Regierung hatte auf eine Mischung aus Strafverfolgung und Deeskalation gesetzt. Sogar verhandelt hatte sie mit der verbotenen PKK, um den Frieden in deutschen Städten zu wahren - erfolgreich.