Bislang war der Blick in die Arkana der Sowjetmacht auch für die Stalin-Zeit verschlossen. Das alte Regime hatte selbst ergebenen Gefolgsleuten den Zugang zu den Akten verweigert. Erst nach seinem Ende konnten Historiker beginnen, sich einen Eindruck davon zu verschaffen, wie und worüber an höchster Stelle entschieden wurde. Aber die - 1995 veröffentlichten - Protokolle der Sitzungen des Politbüros führen nicht sehr weit. Denn die brisantesten Entscheidungen schlugen sich darin nicht nieder. In den letzten Jahren wurden auch sogenannte "Sonderprotokolle" aus dem ehemaligen Kreml-Archiv in die Nachfolgeinstitution des Archivs des ZK der KPdSU überführt. Sie bilden zusammen mit anderen seit dem Untergang der Sowjetunion verfügbaren Quellen die Grundlage des vorliegenden Buches. Schon deshalb eröffnet es eine neue Etappe in der Aufarbeitung der Stalin-Ära.

Oleg Chlewnjuk möchte vor allem zwei Probleme untersuchen: die "organisatorische Seite der Funktionsweise des Politbüros" sowie den "Mechanismus der Beschlußfassung im Politbüro". Die erste Frage zielt auf die Arbeitsweise des mächtigsten Gremiums der Sowjetunion, die zweite auf "das Kräfteverhältnis zwischen dem Politbüro als kollektivem Organ und der Alleinherrschaft Stalins". Was trocken klingt, entpuppt sich als erste detaillierte Darstellung der Entscheidungen zum Massenterror, zu seiner Planung an höchster Stelle, seiner wahrscheinlichen Motive und seiner obersten Exekutoren.

Der Autor geht diesen Fragen vor allem in vier Kapiteln über das "Tauwetter" des Jahres 1934, das Wechselbad von Terror und "Versöhnung" 1935/36, die "große Säuberung" 1937/38 und das Resultat dieses Blutrauschs nach. Anzeichen für ein Ende von Gewalt und Zwang gab es nach dem großen Umbruch genug. Stalin hatte gesiegt und konnte sich auf dem 17. Parteitag Anfang 1934 feiern lassen. Vor diesem Hintergrund hat man die Bildung einer Fraktion von "Moderaten" für plausibel gehalten, die Ruhe einkehren lassen wollte. Als Kronprinz dieser Fraktion galt Sergej Kirow, Erster Parteisekretär von Leningrad, der sogar gegen Stalin angetreten sein und so viele Voten erhalten haben soll, daß der Diktator die Stimmzettel vernichten ließ. Chlewnjuk hält gar nichts von solchen Spekulationen. Er hat keine Belege für Reformneigungen Kirows gefunden. Vielmehr sandte die Führung geschlossen Signale aus, die eine amerikanische Zeitung zu der Überschrift veranlaßten: "Das rote Rußland wird rosa". An der Spitze der Tauwetter-Strategen stand - Stalin.

Derselbe Stalin aber nutzte Kirows Ermordung am 1. Dezember 1934, um die schlimmste Terrorwelle der Sowjetgeschichte vorzubereiten. Ob er die Todesschüsse in Auftrag gab, wie seit 1956 immer wieder zu lesen war, bleibt dabei zweitrangig. Chlewnjuk teilt die neuerdings geäußerten Zweifel. Wichtiger ist, daß neben die Entspannung nun ein härterer Kurs trat. Chlewnjuk vermag auch in dieser Inkubationszeit keinen Streit zu entdecken: Alle Spitzengenossen waren mit der drakonischen Vergeltung für den Anschlag einverstanden und billigten auch den ersten großen Schauprozeß gegen prominente Gegner von einst (Sinowjew und Kamenew) im August 1936.

Was danach folgte, stand seit jeher im Zentrum des Interesses. Teils spiegelte sich darin eine gewisse Faszination durch das Unfaßbare. Teils neigte man zu der Annahme, im "großen Terror" gleichsam das stalinistische System in nuce vor sich zu haben. Diese Phase begann mit dem ZK-Plenum vom März 1937. Schon im Vorfeld versandte die Kaderabteilung der Partei zwei Listen mit Namen von einstigen Widersachern: eine der bereits verhafteten und eine der noch amtierenden. Offenbar fiel auf dieser Sitzung die Entscheidung, auch die zweite Liste und noch viel mehr "abzuarbeiten". In Erfüllung dieses Auftrags erteilte das Innenkommissariat (NKWD) seinen untergeordneten Instanzen am 2. Juli 1937 die Anweisung, in der ersten Augusthälfte 259 450 Personen zu verhaften und 72 950 davon gleich zu erschießen. Bis Januar 1938 folgten zwei weitere Listen mit insgesamt 79 700 beziehungsweise 64 800 Betroffenen. Sicher spiegeln diese Zahlen nur die Spitze des Eisbergs. Die archivalisch verbürgten Schätzungen aller Opfer liegen weit höher. Aber sie verdeutlichen, daß die Gewalt ein neues Ausmaß annahm.

Ebendiese Frage rückt Chlewnjuk daher in den Mittelpunkt seiner Interpretation. Der Beschluß zum Terror fiel im Politbüro, die Ausführung wurde dem NKWD unter dem Kommando eines willfährigen Stalin-Vertrauten übertragen - Grund genug für die These des Autors, daß der Terror vom Zentrum ausging. Das Politbüro gab den Massenmord frei und legte ihm wieder Zügel an - mit der Warnung vor "Übertreibungen" seit Februar 1938 und dem bekannten Beschluß vom 18. November 1938, der weitere Aburteilungen verbot. Dies bedeutet allerdings nicht, daß die regionalen Machthaber nur Vollstrecker gewesen wären. Häufig baten sie im Gegenteil um eine Erhöhung der Quoten und bewiesen einen Eifer, der sie zweifellos zu Mittätern machte. Aber diese Aktivität blieb stets unter der Kontrolle des Zentrums.

Deshalb stellt sich die Frage nach den Motiven um so dringlicher. Chlewnjuk gibt im Kern drei Antworten. Zum einen drängte eine neue Generation nach vorn. Die Sowjetintelligenz, die nach 1917 herangewachsen war, war nur zehn Jahre jünger als die "Helden des Oktobers". Stalin hatte gute Gründe, ihr zu Einfluß zu verhelfen. Zum anderen ging die Furcht vor der "fünften Kolonne" des Faschismus seit 1933 verstärkt um. Chlewnjuk nimmt den Hinweis Stalins vom März-Plenum 1937 ernst, daß man Zehntausende brauche, um einen Dnjepr-Damm zu bauen, aber weniger als ein Dutzend, um ihn zu sprengen. Beide Gründe kommen in einer dritten Ursache des Terrors zusammen, die das Buch wie ein roter Faden durchzieht: in der Bösartigkeit und Geschicklichkeit des Diktators, der vor Massenmord nicht zurückschreckte, um seine Macht zu sichern.