Ist das die permissive Gesellschaft, daß wir überall hinkönnen, ohne daß jemand uns fragt, was wir hier zu suchen hätten? War es nicht einmal das Zeichen einer wohlstrukturierten Gemeinschaft, daß es überall Bereiche gab, in denen diese und jene sozusagen taxfrei zugelassen waren, jene und diese aber nicht? Was ja nicht nur eine Klassenfrage war, sondern zur Definition von Bezirken gehörte, heiligen ebenso wie weltlichen, öffentlichen wie privaten.

Mauern und Tore, Zäune und Barrieren sagten: bis hierher und nicht weiter. Es sei denn - es sei denn, du hast eine Bahnsteigkarte.

Eines Tages muß jemand den Bahnvorständen klargemacht haben, daß der Verwaltungsaufwand durch den Erlös nicht zu egalisieren oder daß damit womöglich etwas Undemokratisches verbunden sei. Nun gut. Man hat die Karte und die Sperren aufgegeben, jedermann kann auf den Bahnsteig, der will, und es will offenbar tatsächlich nur der, der muß.

Ein knapper Verwaltungsentscheid, und wieder sind wir um eine Vorhölle - oder einen Vorhimmel - ärmer, jedenfalls um einen Bezirk, wo wir unter uns waren, wir, die wir die Grenzüberschreitungen zwischen dem Peinlichen und dem Peinigenden, den fahrplanmäßigen Augenblicken des Hoffens und des Bangens, des Allein-gelassen-Werdens und des Endlich-allein-Seins, des Nie-mehr-wieder und des Von-nun-an gutheißen oder jedenfalls akzeptieren. Wir, die wir immer gewußt haben, daß es nicht genügt, Gefühle zu haben, sondern daß man sie auch zeigen muß, das aber nur auf bestimmten Bühnen kann, sind um eine davon betrogen, seit es die kleine Bahnsteigkarte nicht mehr gibt. Denn es ist ja nicht dasselbe, dasselbe auf freiem Feld zu tun.

Wäre das, übrigens, nicht eine Idee für Flughäfen: dort, wo die Leibes- und Gepäckvisitation stattfindet, ruckartig Trennung verordnet wird, mit einer kleinen Flugsteigkarte auch die Lieben noch durchzulassen, die nichts anderes als etwas mehr Abschied wollen? Oder fürchten wir uns davor, einmal vielleicht länger, als das Herz erträgt, gemeinsam auf einem bestimmten Areal ausharren zu müssen?

Schaffen wir neue Zonen des Gefühlslebens, in die man, jawohl, nur mit ein bißchen Kleingeld hineinkommt. Und einem Stück Papier. Oder Pappe.