Wenigstens das kleine Berlinprogramm; zwei Stunden, soviel Zeit muß sein; das findet auch der Schwager aus dem Rheinland und der Studienfreund aus Freiburg, trotz Messe und Tagung. Das heißt zumindest: Potsdamer Platz und Renzo Pianos erdfarbene High-Tech-Keramikstadt; die neue Friedrichstraße und der Gendarmenmarkt, der schönste Platz der Stadt, immerhin, oder die Passage durch die zyklopische Baustelle des Regierungsviertels am Spreebogen.

Ja, und dann, die Zeit haben wir noch, eine Visite in Mitte. Ein Cocktail in der Zeobar oder ein Imbiß in den Hackeschen Höfen? Wenn's da überfüllt ist, dann ein paar Schritte zu den Sophie-Gips-Höfen, zu Barcomi's mit dem besten New Yorker Kaffee und wunderbaren Muffins. Aber auch hier sind selbst die Stehtische besetzt. Also Silbersteins im Kunsthof: ein Café, ein Gewirr aus geschweißten Metallplastiken, die auch Sitzflächen haben, und alte Art-déco-Fresken; im Angebot eine Sushi-Karte. Sollten wir uns doch nicht noch etwas Zeit nehmen? In einer viertel Stunde liest hier Alban Nikolai Herbst das fünfte Kapitel aus seinem phantastischen Roman Thetis. Der spielt schließlich auch im Silberstein.

Spätestens hier hat der Berliner Cicerone das Gefühl, etwas Besonderes geboten zu haben: einen gerafften Flaniergenuß, ein bißchen Entdeckung, einen ungewöhnlichen Einblick ins innere Leben Berlins. Dieses Gefühl der Besonderheit teilt man allerdings mit sehr vielen anderen Besuchergruppen. Eine Ameisenspur von Flaneuren zieht durch das Viertel. Alle nasenlang passieren Sightseeing-Busse. "Mitte - megakult", schreibt die Berliner Boulevardpresse. Was treibt die Menschen hierher, nicht nur die Touristen, sondern auch die Berliner selbst? Wenn es einen Ort gibt, an dem die geteilte Metropole sich vereint, dann hier in Mitte. Doch woher kommt der Magnetismus? Jede Woche öffnet ein neues Restaurant mit neuer Küche oder eine Galerie. Wer nicht Gucci/Prada/Jil Sander sucht, findet Modeateliers in den Höfen. Allein vier Hutmacherinnen arbeiten hier. "Wer einen Hut haben will, muß nach Mitte", sagt die junge Hutmacherin Katharina Sigwart aus Badenweiler. Sie bekam im letzten Jahr den Preis des Kunsthandwerks.

Aber mit Hüten läßt sich nicht der Massenauftrieb erklären. In den heißen Sommernächten, wenn der Vollmond über der goldenen Kuppel der Neuen Synagoge steht und die Massen in der Oranienburger Straße nur auf den Bordsteinen einen Sitzplatz zum Biertrinken finden, kann man vielleicht den Andrang erklären. Hier ist eben die große Party, der Corso. Und dazwischen die mit Neonslips illuminierten Straßenprostituierten. Aber jetzt, bei Schneematsch, Ostwind, triefenden Baugerüsten und aufgerissenen Straßen, wo Flanieren Durchhalten heißt, fragt sich doch, was die Leute suchen.

Die Mitte? Gewiß, das Wort hat fast einen zärtlichen Ton, ist ein ausschweifender Mythos, ein Streitthema und auf jeden Fall eine unpräzise Ortsangabe. Wer im U-Bahnhof Stadtmitte aussteigt, hat das Ziel schon um drei Kilometer verfehlt. Die Touristenbusse nennen es "Fahrt durchs Scheunenviertel". Das ist falsch. Wir befinden uns in der Spandauer Vorstadt. Sie liegt am Nordufer der innerstädtischen Spree, grob gesprochen zwischen dem wunderschönen Backstein-S-Bahnhof Hackescher Markt (früher Marx-Engels-Platz, noch früher Börse) und dem Tacheles, jener Ruine von spätrömischer Dimension, in der schon die vierte Besetzer- und Künstlergeneration den Investor quält. Zwei Wahrzeichen hat der Stadtteil: den Turm der Sophienkirche, den einzigen Barockturm, der die Bombennächte überstand, und die erneuerte Synagogenkuppel; dazwischen ein Straßenmuster, das sich seit der ersten Stadterweiterung aus den Tagen des Großen Kurfürsten nicht wesentlich verändert hat: die Große Hamburger, die Auguststraße, die Sophienstraße, die Gipsstraße.

Toleranzviertel, Geschichtsleben. "Unser Stadtteil hieß ja mal Toleranzviertel. Ich wünsche mir, daß es das wieder sein wird." Das sagt Wolfgang Feyerabend über das Wiederentstehen jüdischen Lebens, über die Ansiedlung jüdischer Institutionen wie den Kulturverein, das Zentrum Judaicum, das jüdische Gymnasium, über koschere Restaurants und Geschäfte. Er ist ein typischer Fall: Mit dem Erwachen des Stadtteils wurde er zum Stadthistoriker. In DDR-Zeiten war er Verlagslektor und Hörspielautor; jetzt betreibt er im Kunsthof, einem rein erhaltenen und liebevoll restaurierten klassizistischen Ensemble, einen Buchladen, eine Galerie und eine "Stadtführungsagentur Berliner Autoren".

Auch Simone Barck, vor der Wende Literaturwissenschaftlerin in der Akademie, geriet erst nach der Wende in die Geschichte ihrer Straße. Vorher war es "ein ziemlich verschlafenes Viertel". Das einzige Lokal war die Böse Sieben, wo man besser nicht hinging. Sie hat einen Film über die Große Hamburger Straße gedreht, die früher einmal Toleranzstraße hieß. Sie war ja einst die Wirkungsstätte von Moses Mendelssohn. Im "Dritten Reich" war die Große Hamburger ein Schreckenswort: Im ehemaligen jüdischen Altersheim war ein Sammellager für die Transporte in die Vernichtungslager eingerichtet. In Simone Barcks Film sprechen Nachbarn von damals oft zum erstenmal über jene Zeit. Die Bäckerin, die Schwestern von der St.-Hedwigs-Klinik gegenüber, die helfen wollten und hilflos blieben. "Wir hörten im Krankenhaus das Echo der Schreie", erzählt Schwester Adelgund vom Borromäerorden, dem Gründungsorden von St. Hedwig. "Man hat gewußt, was geschah."