Schneller, schneller. Die Vergangenheit einer Pop-CD beginnt nach zwei Monaten, die eines Buchs nach einer Saison, die durchschnittliche Lebensdauer eines Dokuments im Web beträgt 58 Tage. Man versteht schon: Das Neue braucht Platz, und je mehr Geschichte sich ansammelt, um so dringender wird das Bedürfnis, sie möglichst rasch zu entsorgen. Vergessen tut not.

Und doch sitzt uns die Geschichte im Nacken, zumindest als das beunruhigende Gefühl, daß alles, was uns zu uns einfällt, schon einmal da gewesen sein könnte, und vielleicht besser. Während einerseits die Verfallsfristen immer kürzer werden, wächst andererseits der Geschichtsbedarf und mit ihm das Verlangen, festzuhalten, was sich irgend noch festhalten läßt.

Eine der schwierigen Fragen lautet unweigerlich: Wer war das eigentlich? Wer war dieser Tischler Ernst Zimmer, in dessen Tübinger Haus der wahnsinnige Hölderlin 37 Jahre lang gepflegt wurde? Wenn ein Hölderlin-Biograph sich darum gekümmert hat, solange noch Zeit war, gut. Wenn nicht, bleibt eigentlich nur die Hoffnung, daß er in einem biographischen Lexikon seiner Tage eine Spur hinterlassen hat. Man müßte in denen suchen. Es gibt aber Hunderte, auch die beste wissenschaftliche Bibliothek hat nur einen kleinen Teil, und die sie hat, befinden sich selbst auf dem Weg in die Nichtexistenz und sind nur noch eingeschränkt benutzbar. Es müßte einer kommen und... Es geschieht tatsächlich. In München entsteht ein heroisches Werk der Spurensicherung, ein Kolossalbollwerk gegen das Vergessen: das Internationale Biographische Informationssystem des Verlags K. G. Saur.

1980 erhielt Klaus G. Saur Besuch von dem Münsteraner Anglisten Bernhard Fabian, der ihm vorschlug, doch die wichtigsten biographischen Lexika des 16. bis 19. Jahrhunderts neu zu publizieren, ohne die die Literaturwissenschaft nicht auskommt und von denen die überlebenden Exemplare in den Bibliotheken vor sich hin säuern und krümeln.

Daß Fabian gerade zu Saur ging, hatte seinen Grund. Saur hatte schon den Ruf, auch vor verlegerischen Wahnsinnstaten nicht zurückzuschrecken: Er hatte 1975 begonnen, nicht weniger als ein Gesamtverzeichnis des deutschsprachigen Schrifttums zu veröffentlichen, das GV (daraus wurden 311 großformatige Bände, die keine Bibliothek, die auf sich hielt, entbehren konnte). 1980 begann Saur gerade mit dem Gesamtkatalog der British Library (der sich zu 442 Bänden auswachsen sollte). Sein Verlag hatte sich also nicht nur den Ruf der Tollkühnkeit verdient, sondern auch den, eine Menge von jenem Geschäft zu verstehen, das im Fachjargon Reprokumulation heißt, dem zusammenfassenden Nachdruck bio-bibliographischer Nachschlagewerke, und das im wesentlichen aus den schlichten Tätigkeiten Suchen, Sichten, Schneiden, Kleben und Sortieren besteht - die, in Saurschen Maßstäben praktiziert, zu organisatorischen Großaufgaben werden. So lautete Saurs Antwort auf Fabians Vorschlag: Ja! Aber nicht einige alte biographische Lexika, sondern dann gleich alle! Und nicht einzeln, sondern kumuliert, in einer einzigen alphabetischen Folge! Das erste Ergebnis war das Deutsche Bibliographische Archiv 1700-1910 (DBA I), das 1982 begann und 1985 fertig war. Aus 264 Quellenwerken, darunter extrem raren und hoch gefährdeten, wurden 480000 Artikel über 213000 Personen abphotographiert, vergrößert, ausgeschnitten, aufgeklebt, sortiert und erschlossen. Daß damit eine Größenordnung erreicht war, die sich nicht mehr zwischen Buchdeckeln unterbringen lassen würde, war von vornherein klar: Das DBA I hätte über 2000 Bände von je 600 Seiten gefüllt. Also war eine kompaktere Publikationsform angezeigt, und da bot sich der Mikrofiche an - steife Filmkarten von Postkartengröße, auf deren jeder sich 465 Buchseiten unterbringen lassen. So paßte das ganze DBA I auf 1447 Postkarten.

Auf das DBA I folgte ab 1989 das DBA II, das die deutsche Biographienkumulation bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts fortführte: 250000 Personen aus 284 Lexika auf 1457 Mikrofiches. Inzwischen hatte sich das Unternehmen aber bereits über die deutschen Sprachgrenzen ausgeweitet: 1984 begann der Verlag, der heute zur internationalen Gruppe Reed Elsevier gehört, mit einem British Biographical Archive, 1986 mit einem American Biographical Archive und einem Archivo Biográfico de España, Portugal e Iberoamérica, 1987 mit einem Archivio Biographico Italiano (von allen vier gibt es inzwischen auch Fortsetzungsserien) - alles im gleichen Verfahren und nach dem gleichen Prinzip. Heute sind 19 dieser Archive fertig und 14 weitere entweder in Vorbereitung oder schon mehr oder weniger weit fortgeschritten: etwa 18000 Mikrofiches mit etwa 8,4 Millionen Seiten, die biographische Information aus 4200 Quellenwerken über 3,1 Millionen Personen versammeln. In etwa fünf, sechs Jahren soll das Unternehmen räumlich abgeschlossen sein und dann geographisch die gesamte Erde abdecken - ein Weltarchiv, in dem man alle Menschen aller Länder und aller Zeiten findet, die von ihren Zeitgenossen oder Nachfahren je mit der kleinen Ewigkeit eines Eintrags in einem biographischen Lexikon bedacht wurden. Rechnet man das spaßeshalber in Bücher um, so wären es 14000 Bände, ein halber Regalkilometer.

Ein tollkühner Verlag läßt sich auf eine Wahnsinnstat ein