In Washington geht der Prozeß zwischen der US-Justiz und Microsoft gerade in die Frühlingsferien. Inmitten von Pleiten, Pech und Pannen wartete Joachim Kempin, der deutsche Spitzenmann bei Microsoft, am vorletzten Verhandlungstag mit einer bemerkenswerten Definition auf. Windows sei ein Gesamtkunstwerk, erklärte Kempin. Wer einzelne Teile von der Windows- Oberfläche entferne, der sei vergleichbar mit einem Buchhändler, der das erste Kapitel von "Moby Dick" herausreisse . Und für literarisch unbelastete Leser erläuterte eine Computerzeitschrift Kempins Ansicht noch einmal mit einem anderen Kunstvergleich: Das Weglassen der Task-Leiste von Windows sei so wie dasWegretuschieren des Lächelns der Mona Lisa.

Ehrfürchtig mag sich mancher Leser nun vor seinen Computer setzen und den kunstkennerischen Blick gefällig über den Bildschirm schweifen lassen. Mona Lisa - die hat schon was, aber kann sie wirklich mit der Schönheit einer Task-Leiste mithalten? Einfach unvergleichlich, zumal andere Firmen wie Apple sich einfach nicht Microsofts Kunstdefinition anschließen wollen: Die Mac-Fraktion geht wieder einmal leer aus! Namhafte Kunstkritiker der ZEIT stehen schon bereit, das Erscheinen von Windows 2000 mit dem Blick des Kennerszu kommentieren - wenn es denn einmal fertig wird. Und Windows 3.1 oder DOS, die Vorgänger, werden dereinst als frühe Vorstudien des großen Redmonder Kunsthauses in die Geschichte eingehen.

Bleibt die Frage, ob es Buchhändler gibt, die das erste Kapitel aus Moby Dick entfernen, es durch Eigenwerbung ersetzen und den Schmöker verschenken. Das wäre einmal eine originelle Geschäftsidee! Im PC-Bereich versucht sich die kalifornische Firma Idealab an diesem Trick. Sie will über ein Tochterunternehmen namens Free PC 10 000 Computer verschenken - im Gegenzug aber komplette demographische Informationen der Beschenkten haben. Außerdem müssen die Empfänger versichern, niemals die Werbung abzuschalten, die über einen mitgeschenkten Internet-Anschluß ins Haus kommt. In den ersten zwei Tagen meldeten sich bereits über 300 000 Interessenten für den Umsonst-PC an und brachten die Kampagne zu einem jähen Stopp. Ursprünglich hatte man den 10 000 wohlhabendsten Einsendern einen Rechner geben wollen. Da die wirklich Reichen aber wohl ihren Computer selbst bezahlen können, wird man eher die 10 000 grössten Schnorrer auswählen. Ob die Werber an denen ein großes Interesse haben?

Womit wir wieder beim Gesamtkunstwerk Windows sind. Denn der Bildschirm des Free PC schafft stolze 1024 mal 768 Bildpunkte, von denen das mitgelieferte Windows 98 aber nur 800 mal 600 Pixel zur Verfügung hat. Der Rest wird mit nicht abschaltbarer Werbung gefüllt. Da sehnt man sich bald zurück nach dem spröden Charme der Task-Leiste.