Gecoachtes Selbststudium", das klingt gut - ein bißchen englisch, ein bißchen sportlich. Und "Selbststudium", das klingt nach Menschen, die sich ihr Glück selbst schmieden und, noch besser, den Staat wenig kosten; ganz im Geist der Zeit. Ein bißchen Selbsterkenntnis mag auch darin mitschwingen, aber wer will sich heute noch selbst erkennen? Das tat man, als Die unendliche Geschichte noch auf den Bestsellerlisten stand.

Tanja Meier hat drei Semester gecoachtes Selbststudium hinter sich. An der Ruhr-Universität Bochum hat sie den Zusatzstudiengang Arbeitswissenschaft absolviert, jetzt schreibt sie an ihrer Diplomarbeit über ein Selektionsverfahren für Sparkassenlehrlinge. Was das gecoachte Selbststudium ist, weiß sie immer noch nicht genau, auch wenn sie "viel gelernt" hat in den vergangenen anderthalb Jahren. Soviel kann sie sagen: daß sich die Dozenten Moderatoren nennen und sich zurückhalten in den "themenzentrierten Gruppengesprächen", also den Seminaren. Daß die Moderatoren den Studenten am Anfang eines Kurses Literaturhinweise geben und die Empfehlung, selbst weiterzuforschen. Daß es keine Vorlesungen gibt, aber viele Referate, bei denen die Studenten gern mit Overheadfolien und bunten Stiften hantieren. "Man ist sich selbst überlassen", sagt Tanja Meier. So gesehen ist der Zusatzstudiengang Arbeitswissenschaft "ein ganz normales Studium".

Das stimmt nur zum Teil. Arbeitswissenschaft studieren in Bochum nicht nur ganz normale Studenten, sondern auch Berufstätige: Künstler und Pfarrer lernen Brainstorming-Methoden und die Grundsätze des Lean Management kennen, Maschinenbauer und Ärzte beschäftigen sich mit Ökobilanzen und Gesundheitsgefährdungen am Arbeitsplatz. Fünfzehn Lehrgänge zu Themen wie Qualitätsmanagement, Ergonomie und Unternehmenskommunikation bietet das Institut für Arbeitswissenschaft an. Manche Studenten besuchen nur ein einziges davon und bekommen dafür ein Zertifikat, andere absolvieren mindestens sechs Lehrgänge und dürfen sich nach dem Examen Diplom-Arbeitswissenschaftler nennen.

Wie Tanja Meier, die ursprünglich einmal Grundschullehrerin werden wollte. Schon vor ihrem Referendariat hatte sie gemerkt, daß es sie irgendwann langweilen würde, Kindern Schreiben und Rechnen beizubringen. "Ich will lieber mit Erwachsenen arbeiten", sagt sie heute, "aber ich will ja auch nicht umsonst Pädagogik studiert haben, und so bin ich darauf gekommen, ins Personalmanagement zu gehen." Mit dem Zweitdiplom in der Tasche rechnet sie sich Chancen auf einen Job in der Wirtschaft aus, auch ohne BWL studiert zu haben.

"Natürlich glauben wir nicht, daß ein Lehrämtler, der ein paar Kurse in Personalmanagement belegt hat, konkurrenzfähig wäre zu einem Wirtschaftswissenschaftler", sagt Martin Kröll, Studienfachberater am Institut für Arbeitswissenschaft. "Unsere Leute sollen ja auch nicht Vorstandsvorsitzende werden, sondern sie landen eher im mittleren Management." Da kommt es häufig auf interdisziplinäres Wissen an, und da sind auch Pädagogen, Natur- und Geisteswissenschaftler kompetent - wenn sie wirtschaftliche Zusatzkenntnisse haben. "Bei uns hat zum Beispiel eine Chemikerin studiert", erzählt Kröll, "die einen Job in der Personalabteilung eines Pharmakonzerns gefunden hat - die waren froh, daß sie jemanden hatten, der auch von Chemie Ahnung hat."

Das Zusatzstudium Arbeitswissenschaft soll keine Warteschleife für Hochschulabsolventen sein, die auf Stellensuche sind. "Das ist ein altes Vorurteil, daß hier Leute sind, die keinen Job bekommen", sagt Kröll. Auch eine noch unveröffentlichte Studie des Hochschul-Informations-Systems (HIS) belegt, daß sich vor allem Absolventen mit guten Noten in den Bochumer Studiengang einschreiben. 320 sind es zur Zeit, ein gutes Drittel davon Naturwissenschaftler. "Das sind gute Leute, die ihr Erststudium im Durchschnitt mit einer Zwei abgeschlossen haben", sagt Karl Lewin, HIS-Projektleiter der Abteilung Studentenforschung. "Sie wollen vor allem ihre Berufschancen verbessern und sich persönlich weiterbilden." Nur etwa ein Sechstel der Studenten wählen den Studiengang, weil sie damit vorrangig vermeiden wollen, in der Arbeitslosenstatistik aufzutauchen.

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