Brauchen Rechtsanwälte einen Marketingmanager? "Natürlich!" sagt Claudia Schieblon und versucht seit einigen Monaten möglichst viele Anwaltskanzleien davon zu überzeugen, daß man ohne aktive Marketingstrategien anspruchsvolleren Mandanten und verstärktem Konkurrenzdruck künftig nicht mehr gerecht werden kann. Sie hatte die perfekte Eingebung im richtigen Moment. Als sich 1997 das Standesrecht für Anwälte veränderte und damit Pressearbeit und Werbung in begrenztem Umfang möglich wurden, betreute Claudia Schieblon gerade in London die deutschsprachigen Publikationen für einen juristischen Fachverlag. In dieser Zeit baute sie Verbindungen zu über 130 deutschen Wirtschaftskanzleien auf. Als sie zurückkam, lag nichts näher, als diese Kontakte zum Beruf zu machen. So gründete sie ihre Firma Marketing für Anwaltskanzleien und arbeitet von Stuttgart aus für Kanzleien in ganz Deutschland.

Vor kurzem hat sie erfahren, daß ihre Jobidee zur "Berufsfamilie" der Zielgruppenexperten gehört. Dazu zählten auch Nischenberufe wie Marketing für Ärzte oder für Senioren, sagt Peter Schütz. Er ist Professor an der Fachhochschule Hildesheim-Holzminden und durchforstet seit 1997 als Trendscout die Marketing- und Vertriebsbranche nach neuen Berufsbildern. Sechs neue Jobfamilien hat er bereits entdeckt. Vor kurzem präsentierte er dazu eine Studie. Nach deren Lektüre weiß Claudia Schieblon, wo genau sie hingehört - sicherlich ein Vorteil auf dem immer unübersichtlicher werdenden Marketingmarkt. Mit der klar verständlichen Bezeichnung ihrer Tätigkeit allerdings bleibt sie eine Ausnahme. Denn eigentlich gilt im Marketingsektor die Devise: Wenn neu, dann bitte englisch! "Eine inflationäre Verwendung von Anglizismen" käme dabei heraus, sagt Peter Schütz. Die neuen Berufsbezeichnungen sorgen für Glanz auf der Visitenkarte: Relationship-Manager, New-Media-Conceptioner, Category-Manager, Cluster-Sales-Manager, Info-Broker, Internet-Scout, Retention-Marketing-Manager, City-Manager, "Hello und Goodbye"-Manager - der Einfallsreichtum kennt keine Grenzen. Die meisten Bezeichnungen wurden nicht in Deutschland erfunden, sondern kommen aus den USA, allerdings mit einer Verspätung von bis zu fünf Jahren. "Deutschland ist Importweltmeister an Jobideen", sagt Peter Schütz. Leider gebe es nur wenige eigene Ansätze, die sich aus deutschland- oder europaspezifischen Bedingungen ergäben. Der European-Price-Manager ist eine solche eigene Jobkreation. Dahinter stecken Experten, die in europaweit arbeitenden Unternehmen für eine abgestimmte Preispolitik sorgen.

Nicht alle Stellen sind so aufregend wie ihre Namen

Die neuen Telefonanbieter, Expreß- und Online-Dienste sind ohne Call Center inzwischen nicht mehr denkbar. Das Besetztzeichen am anderen Ende der Leitung scheint Vergangenheit. Der Deutsche Direktmarketing Verband geht von 80000 neuen Telefon-Service-Jobs in Call Centern bis zum Jahr 2000 aus. Das Telemarketing boomt. Gesucht werden Mitarbeiter aus allen Branchen, vor allem aus Telekommunikation, EDV, Finanzdienstleistung und Unternehmensberatung. Die Arbeit im Call Center sei keinesfalls eine Sackgasse, wird immer wieder betont. Auch vielversprechenden Talenten böten sich Perspektiven.

Wer von einer Marketingkarriere träumt, sollte die Jobs mit dem Hauch Exotik aber genau prüfen, denn nicht alle sind so frisch und spektakulär wie ihre Namen. "Nicht immer ist alles neu, was hinter den Sprechblasen steht", sagt Peter Schütz. Was früher der Produktmanager selbst in die Hand nahm, wird heute möglicherweise auf den Event-Manager, den Innovation-Scout und den Pricing-Experten aufgeteilt. Die Tätigkeitsfelder aber sind oft bekannt und bieten nur eine höhere Spezialisierung und Konzentration auf ein Arbeitsfeld.

Maria Henninger hat als selbständige Event-Managerin die Erfahrung gemacht, daß vor allem mittelständische Unternehmen den Trends eher zurückhaltend gegenüberstehen. Ihre Präsentationen und Firmenjubiläen veranstalten sie noch immer lieber selbst, anstatt eine Agentur zu beauftragen, die ihnen ein extravagantes Erlebnis zaubert. Ein gutes Event-Management könne ein großer Imagegewinn für die Firma sein, sagt Maria Henninger. Das schaffe Ereignisse, die sich herumsprechen. Also würden sich auch konservative Unternehmen dem frisch geweckten Bedürfnis nicht mehr lange entziehen können.

Zu den Jobkreationen, denen Peter Schütz nachspürt, kommen ständig neue hinzu. Seine Studien, die er gemeinsam mit der Fachzeitschrift absatzwirtschaft betreibt, sind deshalb noch lange nicht abgeschlossen. Interessant könnte eine längerfristige Beobachtung werden, die zeigt, welche Jobs wieder aus den Stellenanzeigen verschwinden und welche sich zu Massenphänomenen mit festen Ausbildungsregeln und klarem Tätigkeitsprofil entwickeln. "Der Bereich Neue Medien wird in rund fünf Jahren fest etabliert sein", schätzt Peter Schütz.