Es war ein schlechter Tag für Krys Salibello. Am Morgen hatte er noch mit 9000 Dollar vorn gelegen, kurz vor Börsenschluß stand der 33jährige mit fast 5000 Dollar im Minus. "Ich hätte ins Kino gehen sollen", schimpft Salibello. Auch sein Tischnachbar Jerry Ottieri ist frustriert. Gegen 12 setzte Ottieri auf Sun Microsystems. Vier Stunden später waren seine 2000 Aktien 4000 Dollar weniger wert. "Manchmal machst du schlechte Geschäfte", sagt Ottieri. "Manchmal ist die Börse dein Feind." Ottieri, ein ehemaliger Antiquitätenhändler, und Salibello, der früher Kacheln und Fliesen verkaufte, verbringen neuerdings ihre Tage in einem kleinen Büro am New Yorker Broadway. Wenn sie aus dem Fenster schauen, können sie auf der anderen Straßenseite den Beginn der Wall Street sehen.

Meist starren sie auf ihre Computer. Bunte Schaubilder und Kurven fließen über die Bildschirme. Kurse ändern sich im Sekundentakt. Von der Wand plärren ununterbrochen zwei Fernsehapparate, die Bloombergs Börsen-Informationsdienst übertragen. Kurze Jubelrufe unterbrechen die Geräuschkulisse, wenn ein Geschäft gutgegangen ist. An diesem Tag bleibt es jedoch meist still.

Vor zwei Jahren war Daytrading außerhalb der Wall Street fast unbekannt. Heute ist kurzfristiges Handeln mit Aktien einer der heißesten Trends am Börsenmarkt. Seine Stars haben es bis auf die Titelseiten der Wirtschaftsmagazine gebracht. "Dies ist die Zukunft", sagt Harvey Houtkin, Chef von All-Tech Investment, in dessen New Yorker Büro - gegen Kommission - auch Salibello und Ottieri arbeiten. Die Zahlen sprechen für ihn: Gut 3000 Amerikaner verdienen ihr Geld als Daytrader; mindestens 9 Firmen mit einigen Dutzend Handelsbüros haben sich dem Daytrading verschrieben. 15 Prozent des Volumens am elektronischen Markt NASDAQ - 150 Millionen Aktien täglich - werden inzwischen mit kurzfristigen Geschäften erzielt. Mit ihren hochleistungsfähigen Datensystemen können die Börsenneulinge selbst etablierten Wall-Street-Firmen Paroli bieten. Zum Mißfallen des Establishments, Daytrader seien Glücksritter, heißt es beispielsweise bei der Börsenaufsicht SEL: "Wer spielen will", meint der Aufsichtsbeamte Phillip Feigin, "sollte nach Las Vegas gehen."

Falsch, antwortet James Lee, Chef der Electronics Traders Association in Houston. Daytrading, findet die Branche, gibt auch kleinen Leuten die Chance, ohne teure Makler am Aktienmarkt mitzumischen. Lee: "Die Börse gehört nicht den großen Häusern an der Wall Street, sondern uns allen", sagt Houtkin. Magazinartikel porträtieren den All-Tech-Chef als Robin Hood der Investmentbranche. Seine Anhänger gelten als Guerilla der Wall Street.

Sie kommen aus allen Berufsgruppen und allen Altersklassen. In der All-Tech-Zentrale im kleinen Montvale in New Jersey sprachen schon Feuerwehrleute und Staatsanwälte vor. Hausfrauen, Manager und ehemalige Wall-Street-Broker wollen ebenfalls Daytrader werden; Krankenschwestern, Studenten und Rechtsanwälte erkundigen sich nach ihren Chancen.

Die meisten finden sich zunächst in einem Raum voller Computer wieder, an denen sie unter Anleitung - und gegen ein Honorar von 5000 Dollar - vier Wochen lang an Trockenübungen teilnehmen. Sie lernen, die Spannen zwischen Kauf und Verkauf auszunutzen, mit denen Wall-Street-Firmen beim Aktienhandel verdienen wollen. Trends und momentum im Kursverlauf einzelner Papiere werden untersucht, Charts gelesen, und eine Fülle von technischen Daten wird verarbeitet. Selbst die Psychologie wird bemüht. Emotionen wie Angst und Geldgier seien schlechte Ratgeber, klärt ein Psychologe die angehenden Daytrader auf.

Unwichtig sei dagegen, was Analysten, Journalisten oder andere Marktkommentatoren über die Chancen und ökonomischen Daten eines Unternehmens und seiner Aktie sagen. "Wir investieren nicht, wir handeln", sagt ein All-Tech-Trainer. Normale Online-Investoren kaufen mit Hilfe von Internet-Brokern Aktien höchstens einmal am Tag. Daytrader sind dagegen ständig am Markt präsent. Ihr Ziel: am Ende eines Börsentages das Portfolio um alle Aktien bereinigt und gleichzeitig 500 bis 1000 Dollar Gewinn gemacht zu haben.