Fünfzehn Jahre lang haben die Grünen darauf gehofft, Macht in Bonn zu erobern. Anfangs zögernd, dann immer entschiedener hat die Partei alle Erwartung auf diesen Punkt konzentriert. Hätte sie im September 98 den Sprung in die Regierung erneut verfehlt, wäre für eine ganze Generation der Abschied von ihrem politischen Lebenstraum gekommen. Jetzt also sind die Grünen am Ziel. Doch am Kulminationspunkt ihrer Geschichte wirken sie ausgezehrt, am Ende. Kein Aufbruch, kein Neubeginn. Statt dessen die Erschöpfung des Marathonläufers.

"Sind die Grünen noch zu retten?", so lautete die Frage schon einmal, nach dem Scheitern bei den Wahlen im Einheitsjahr 1990. Doch diesmal bleibt der Partei kein ruhiges Jahrzehnt für eine halbherzige Antwort. Seitdem die Grünen mitregieren, ist der Zeithorizont für eine Erneuerung radikal beschnitten. Der Pfad gemächlicher, vom inneren Rhythmus der Partei bestimmter Anpassung ist nicht mehr gangbar. Andernfalls werden der Kanzler oder die Wähler das rot-grüne Experiment beenden.

Der Einbruch der Grünen in die festgefügte Parteienlandschaft gehört zu den erstaunlichsten Entwicklungen in der Geschichte der Bundesrepublik. Über diesem Erfolg sind sie zu notorischen Optimisten in eigener Sache geworden. Sie vertrauen auf die Nachsicht des Publikums, ihr Krisensensorium ist nicht sehr entwickelt, eigene Defizite zu verdrängen gehört zum Grundmuster ihrer Selbstwahrnehmung.

Gerade einmal 1,7 Prozentpunkte trennten die Partei bei den letzten Bundestagswahlen vom absoluten Scheitern. Doch nach einem desaströsen Wahljahr erschien den Grünen selbst das schmale Ergebnis als Erfolg. Daß die Partei die Macht in Bonn nur mit einer Niederlage erreichte, hat sie nicht weiter besorgt.

Erst der Schock der Hessen-Wahl, eingebettet in den schwierigen Bonner Start, hat den Grünen ihre bedrohliche Situation wieder deutlich gemacht: In Scharen laufen der Partei die Jungwähler davon. Die Teilhabe an der Macht in Bonn steigert nicht ihre Attraktivität, im Gegenteil. Mehr als ein Drittel ihrer Wähler haben sich in Hessen von den Grünen abgewendet. Die neuen Mittelschichten, mit deren Hilfe sich die Grünen Mitte der neunziger Jahre auf dem sicheren Weg in die Zweistelligkeit glaubten, wandern zurück zu den großen Volksparteien.

Bereits nach einem Vierteljahr rot-grüner Regierung stehen die Grünen vor der Sinnfrage. Gleich drei "grüne Projekte", mit denen Gerhard Schröder seinen Koalitionspartner zufriedenstellen wollte, wurden in Angriff genommen: Ökosteuer, Doppelpaß, Atomausstieg. Doch alle drei wurden kleingemahlen und bescherten den Grünen einen Realitätsschock, wie er härter nicht hätte ausfallen können: Was der Partei wichtig ist, läßt sich gegen den Koalitionspartner, die Bevölkerung oder die Industrie kaum durchsetzen. Für den Rest der Agenda - vom Bündnis für Arbeit über die Steuerreform bis zur Sanierung des Rentensystems - bleiben die Grünen im Hintergrund. "Grünes" geht nicht - für die Zentralthemen aber wird die Partei nicht gebraucht. Und auf souveränes und kompetentes Mitstreiten in der politischen Hauptsache ist sie nicht wirklich vorbereitet.

So haben sich die Erwartungen an die Grünen schon kurz nach dem Start auf die Frage reduziert, wie klaglos sich die Partei in die Rolle des Mehrheitsbeschaffers fügen wird. Der langjährige Spott, den die Grünen über die Liberalen ausschütteten, klingt nach. Die FDP konnte sich auf ihren Kanzler verlassen. Über die Treue Schröders machen sich die Grünen keine Illusionen. Einen Partnerwechsel zum richtigen Zeitpunkt trauen sie ihm ohne weiteres zu. Das macht sie gefügig - nicht attraktiv.