Auf der Suche nach der verlorenen Zeit - ich wußte, worauf ich mich einließ. In der Folio-Ausgabe von Gallimard waren es acht Bände, einige davon mehr als 600 Seiten dick. Später sah ich, daß Nabokov es für seine Kunst des Lesens ausgerechnet hatte: Für die englische Ausgabe kam er auf 4000 Sei- ten, anderthalb Millionen Wörter. Ich war spät dran, fand ich selbst, am Vorabend meines 40. Lebensjahrs. Das war 1972, genau 50 Jahre nachdem Proust auf dem Sterbelager die letzten Worte geschrieben hatte. 1906, im Alter von 35 Jahren, hatte er damit begonnen, 1912 war die erste Fassung fertiggestellt, danach begann das Überarbeiten, das erst mit seinem Tod endete.

Wie spielt sich so etwas ab? Man hat das Buch längst lesen wollen, es aber immer wieder aufgeschoben, und dann begegnet man jemandem, in diesem Fall einer jungen Frau, die von diesem Buch wie von einer Parallelwelt spricht, die neben der unsrigen existiere, ein unermeßliches Gebäude mit Hunderten von Personen, in dem man, habe man sich erst einmal ein wenig darin zurechtgefunden, nach Belieben ein und aus gehen könne. Sie beschwor mich, das weiß ich noch, das Buch auf französisch zu lesen, nur so würden die Beschreibungen, die mit immer feinsinnigeren Metaphern und Vergleichen verfestigten Gedankengespinste, die gesellschaftliche Bedeutung der Unterhaltungen, die Gemeinheit, die Komplikationen der ratlosen Eifersucht, das philosophische Raster über der Beziehung zwischen Wirklichkeit und Erinnerung, Zeit und den Strategien des Gedächtnisses mir klarwerden, also in der Sprache, in welcher der Autor das Werk geschrieben hatte. Das war für den Leser, der ich damals war, ein fast heroisches Unterfangen.

Im nachhinein denke ich, daß die Quintessenz meiner Lektüre das Gefühl gewesen sein muß, dieses Buch sei nur für mich geschrieben, weil einem die Illusion vermittelt wird, man dürfe ein unsichtbarer Zuschauer sein, nicht nur bei den mondänen Festen des Großbürgertums, sondern auch beim vulgären Snobismus einer Welt, an die sich niemand mehr erinnern wollte, hätte die beobachtende Hauptfigur sie nicht beschrieben. Das Raffinement ist um so größer, als der Autor die Figuren sich auch gegenseitig beobachten läßt, und zwar mit allen möglichen Fehlschlüssen und prismatischen Verzerrungen. So hat man an einer Maskerade teil und zugleich an einer Demaskierung, man wird zum Voyeur und, mit der gleichen pejorativen Nebenbedeutung, zum "Auditeur": Das Belauschen, versehentliche Mithören, das widerwärtige, vernichtende Getuschel hinter dem Rücken anderer spielt eine große Rolle. Zum Schluß weiß man mehr, als gut für einen ist, dann breitet sich dieses gigantische Tableau aus Helden und Schurken, Heiligen und Perversen, Antisemiten und Frömmlern in all ihrer Nacktheit und Glorie vor einem aus. Es gibt Bücher mit Fotos, in denen versucht wird zu deuten oder zu erraten, wer all diese Prinzessinnen, Bankiers, Grafen und Schriftsteller in Wirklichkeit waren. Ich sehe mir solche Bücher fasziniert und zugleich schuldbewußt an, weil Proust genau das um keinen Preis wollte. Seine Kontroverse mit Sainte-Beuve ging ja gerade darum, daß er die Ansicht vertrat, das Werk eines Schriftstellers dürfe nicht aus dessen Leben heraus gedeutet werden. Nabokov sagt seinen Studenten ganz klar, was sie sich bei der Lektüre dieses Buches deutlich vor Augen halten müssen: "Proust, der Erzähler, ist nicht der Mensch Proust, und außer in der Vorstellung des Autors haben seine Gestalten nie gelebt."

Was einem dann bewußt wird, ist das Wunder der Transformation, die alchimistische Zauberkunst, mit der ein Schriftsteller eine Epoche und ein Weltbild geschildert hat, indem er die realen Menschen seiner Umgebung in erfundene verwandelt hat, die für den Leser realer sind als Gestalten der historischen Wirklichkeit.

Die junge Frau, die ich eingangs erwähnte, hatte recht. Prousts Welt ist ein Universum, in das man immer wieder zurückkehren kann, in dem Kunst letztendlich die einzige Wirklichkeit ist und es nicht, wie man so oft glaubt, um das nostalgische Heraufbeschwören der Vergangenheit als Vergangenheit geht, sondern darum, über die unwillkürliche Erinnerung (die berühmte "Madeleine") oder über ein bewußtes Hinabsteigen in das eigene Leben die Gegenwart durch die Vergangenheit zu beleben, oder, wie Proust es sagt: "... die Größe der wahren Kunst im Gegenteil ... lag darin beschlossen, jene Wirklichkeit, von der wir so weit entfernt leben, wiederzufinden, wieder zu erfassen und uns bekanntzugeben, die Wirklichkeit, von der wir uns immer mehr entfernen, je mehr die konventionelle Kenntnis, die wir an ihre Stelle setzen, an Dichte und Undurchdringlichkeit gewinnt, jene Wirklichkeit, deren wahre Kenntnis wir vielleicht bis zu unserem Tode versäumen und die doch ganz einfach unser Leben ist. Das wahre Leben, das endlich entdeckte und aufgehellte ..."

Das gilt nicht nur für den Erzähler Marcel, sondern auch für den Leser, der seine Geschichten gelesen hat und für den alle diese ersonnenen Personen - Gilberte, Swann, die Großmutter, Norpois, Albertine, Charlus, die Verdurins und die Guermantels - für immer zu seiner beziehungsweise ihrer lebendigen Wirklichkeit gehören, Zeitgenossen aus einer endgültig vergangenen Zeit und dennoch Zeitgenossen.

Proust hat mit den psychologischen Mitteln der Moderne eine ganze mythische Welt geschaffen und dadurch den Gegensatz zwischen dem Mythischen und dem Psychologischen aufgehoben. Die Erkenntnis oder, besser gesagt, die Offenbarung, daß das möglich ist, macht ihn für mich zum größten Schriftsteller dieses viel zu langen Jahrhunderts.