Jetzt hat es auch die ARD erwischt. Nie mehr Late Show! rief Sabine Christiansen in ihrer Late Show. Nachdem Helmut Dietl den öffentlich-rechtlichen Anstaltsinsassen verraten hatte, wie flach das Kommerz-TV wirklich ist, sucht die ARD die ihr eigene Tiefe. Hochkultur statt Massenverdummung, die Politik kommt später. Auch das ZDF will unter Gewährleistung gebührenfinanzierter Gemütlichkeit eine Kultur retten, die man alltags zu Tal kippt. Sogar Quotenpastor Jürgen Fliege ist kulturell auf den Beinen, so kippsicher wie ein Smart im Winterdienst.

Nur einer kam schneller, weiter und tiefer. Peter Sloterdijk hat sich schon vor Jahren vom banalen Weltkörper abgenabelt und den Hinterbliebenen schöne Geschichten darüber erzählt. Der Schriftsteller (Zauberbaum) und Philosoph (Blasen) reiste an einen Ort, wo kein Gott mehr hinlangt, sondern nur ein Mensch wie Sloterdijk. Wo Ursprung ist, nicht Massenkultur, und selbst die Camel-Trophy die Biege macht. Unverbesserlich wie Reinhold, der Messner. Während die Massendemokratie kulturell zugrunde geht, tauchte Sloterdijk aphoristisch zu den Müttern und entdeckte in der Fruchtblase ein Phantom, das noch niemand erkannt und noch niemand gebannt hat: das Trennungs-Phantom der Moderne, den Yeti der deutschen Philosophie. Und es ward Licht.

Tellerflache Massendemokratie statt ästhetischer Gipfelgröße, rechtsförmige Gleichheit statt elitärer Bildung - das hätte nur der hochbegabte Oswald Spengler niedriger sagen können. Gnosis bläht auf, und doch war der Grund für Sloterdijks globale Selbsterregung rein lokaler Natur. Er hatte in der Süddeutschen Zeitung einen bügelfreien Beitrag zum Intendantenstreit an den Münchner Kammerspielen gelesen, worin die Autorin sinngemäß erklärte, sie könne dem leidvollen Wechsel in der Dirndl-Metropole auch eine nette Seite abgewinnen. Von Dorn zu Baumbauer: "Ein guter Mann geht, ein guter Mann kommt." Gewiß, da war sie wieder, jene ortsansässige, schwer zu vermittelnde Kaltschnäuzigkeit, die vom arroganten Alpenmassiv ihren natürlichen Ausgang nimmt, um sich als bajuwarische Kulturpose bruchlos fortzusetzen. München leuchtet.

Sloterdijk sah das Mittelmaß und folgte seinem Wahn. Sein ungefederter Ausfall (SZ vom 25. Februar 1999) ist selbst ein "kulturgeschichtlich relevantes Dokument". Im nichtsnutzigen Dauerstreit zwischen Hochkultur und Popkultur kommt die herrenlose Kulturkritik heute lauthals von rechts, nachdem sich sonst niemand mehr drum kümmert. Diesmal segelt sie unter der falschen Flagge von Pluralität und Befreiung, Höhe und Tiefe. Hatte Suhrkamp-Autor Martin Walser "starrsinnig, schamlos und feige" (Wolfram Schütte) die Emanzipation der öffentlichen Kultur von der Erinnerung verlangt, so fordert Peter Sloterdijk, Berater von Siegfried Unseld - und, wie Eingeweihte wissen wollen, sein allerliebster -, die sofortige Befreiung von der Herrschaft der "Niedrigbegabten" in der "demokratischen Kulturmaschine". Wie bei ihm zu befürchten, denunziert er umstandslos die deutsche "Massenkultur" als Erblast demokratischer Gleichheit. So verdunkelt sich im hellen Licht der Tiefenwahrheit alle Demokratie zur Herrschaft über die Hochbegabten, vollstreckt von der Majorität der Niedrigbegabten - auf Kosten der Kunst.

Das ist der alte Trick. Wie die Frontmänner der Weimarer Gegenaufklärung verwechselt Sloterdijk die Angelegenheiten der Kunst mit den Sphären der Politik. Seit Nietzsches Zarathustra ist dies der Berufsirrtum des Rechtsintellektuellen. Lebenslang zehrt er vom Aberglauben, er selbst besitze in voller Länge jene Kultur, die der egalitären Massendemokratie auf ganzer Breite fehlt. Immer drückender wird das Gefühl, er könne der eigenen Größe nicht das Wasser reichen. Das macht einsam. Am Hof der Politik, wo er doch hinwill, duldet man den überdurchschnittlichen Rechtsintellektuellen nicht einmal als Narren, geschweige denn als Konsensberater, oder, wie Sloterdijk sagt: Auch Politiker sind inzwischen die "gewählten Vertreter der Durchschnittlichkeit". Kein Platz, nirgends. Im Ressentiment gegen die Popkultur rächt der elitäre Geist den Verlust seiner historischen Geltung. "Das leistungsbereite Mittelmaß ist so gut wie überall an die Macht gekommen." Was wir Neue Mitte nennen - das ist der Nom de guerre der alten Masse, die "Unterwerfung der Begabten unter die Mittelmäßigen".

Naturgemäß kann der Niedrigbegabte den Hochbegabten mit bloßem Auge nicht erkennen, nur umgekehrt. Das steigert seine Wut zum finalen Jammerbild: Die Masse hockt vorm Fernseher, in dem Thomas Gottschalk minderbegabte Gummibärchen an leitende Klippschüler verteilt, damit der deutsche Genius nicht auf den Gedanken kommt, vom popmodernen "Sonderweg" abzubiegen. Oder sollte man der "demokratischen Kulturmaschine" nicht gleich den Saft abdrehen? Siehe da, sie fleckt schon.

Hochkultur gegen Massenkultur; das hohe Tiefe gegen die flache Breite. Auch in der verläßlichen FAZ hat ein frisch erworbenes Mitglied der Elitenkultur seinen ersten Höhenkoller bekommen und ist im vollen Wichs hinter Sloterdijk her gestolpert. Auf dem Weg nach oben hat der Novize den vorübergehend präfaschistischen, aber deutschen Schriftsteller Ernst Jünger (Feuer und Blut) mit dem armen Erich Kästner (Pünktchen und Anton) verglichen. Kann man das? Man kann. Danach bleibt uns Jünger als Tiefkulturbohrer des Geistes im Gedächtnis, während Kästner als anhaltender Flachmann in der infantilen Massenkultur versinkt. Testergebnis: Kultur ist todsicher.