Es kommt, wie es kommen mußte. Am Ende liegt Eddie in den Armen der Frau, die am Anfang den gerade mal 16jährigen Jungen nicht nur an ihrer Brust schnuppern ließ. Der Kreis hat sich, erwartungsgemäß, geschlossen. Trotzdem sind die 50 Mark, die dieser Spaß kostet, gut angelegt. Immerhin erstreckt sich der Roman über 762 Seiten, und auch an Handlung hat Irving, wie gewohnt, nicht gespart.

John Irving zählt zu den handwerklich perfekten Autoren. Entsprechend effektvoll setzt er auch hier wieder an, mit der Beschreibung einer Begattungsszene, die weniger obszön als komisch wirkt. Die kleine Ruth wird nachts wach. Sie hört Geräusche, glaubt, ihre Mutter "würde sich erbrechen", und will ihr zu Hilfe kommen. Doch sie sieht einen "nackten jungen Mann, der ihre Mutter von hinten bestiegen hatte". Sie schreit, weil sie in Eddie einen ihrer bei einem Autounfall umgekommenen Brüder zu erkennen glaubt. Das ganze Haus, in dem sie aufwächst, ist mit den Bildern ihrer toten Brüder zugepflastert. Sie glaubt, ein Gespenst zu sehen. Sie schreit, und Eddie, "als wäre er abgeschossen worden", läßt von Marion ab und sucht, in Verkennung der Tatsache, daß der Lampenschirm zwei Öffnungen hat, seine Blöße erfolglos zu verdecken.

Aus der Eingangsszene dieses Buches (einer freudschen Urszene) entwickelt Irving, dramaturgisch geschickt und mit einer Ironie, die auch den Liebhabern der Postmoderne hinreichend Haltegriffe bietet, ein steiles episches Panorama über vier Jahrzehnte. Ruth, die Tochter, Marion, ihre Mutter, und Eddie, der jugendliche Liebhaber, werden aufgrund dieser Szene zu Schriftstellern. Ted Cole, Marions Ehemann und Ruths Vater, der als mäßig erfolgreicher Romancier angefangen hatte, ist ein berühmter Kinderbuchautor geworden. Er zeichnet gern und viel. Und immer aus dem gleichen Motiv. Die Modelle laufen ihm regelrecht zu. Mütter, zuerst von ihren Kindern begleitet, dann unbegleitet, schließlich, darauf ist die Sache angelegt, auch unbekleidet.

Marion weiß um diese Neigungen ihres Mannes. Es kümmert sie kaum. Denn sie ist über den Tod ihrer beiden Söhne nie hinweggekommen. Am Ende des Sommers, den Eddie bei den Coles verbrachte, bricht Marion nicht nur das inzestuöse Verhältnis zu dem Jungen ab, sie verläßt auch ihre Familie. Ihr Abgang ist gut vorbereitet. Sie nimmt bei ihrem Auszug nur wenig mit, darunter allerdings alle Fotos ihrer Söhne, die im Haus aufgehängt waren, samt den Negativen. Nur Eddie ist in ihren Plan eingeweiht, er muß sich um die kleine Ruth kümmern. Ted, den Ehemann, weiß Marion bei seiner Geliebten gut aufgehoben. Trotzdem ergeben sich ebenso herzergreifende wie zwergfellerschütternde Turbulenzen, die garantieren, daß keiner der Beteiligten (und auch kein Leser) diesen Tag jemals vergessen wird.

Der Fortgang der Geschichte ergibt sich aus den Romanen, die unsere Protagonisten in der Folge geschrieben haben. Eddie schreibt, weil er sich von seiner ersten großen Liebe nie lösen konnte; Ruth, weil sie nie verwinden konnte, daß ihre Mutter sie im Stich gelassen hat. Und Marion, weil sie die Trauer um ihre toten Söhne bewältigen will. Und alle lesen, was die anderen jeweils geschrieben haben.

Ruth, die unterdessen weltweit erfolgreiche Erzählerin, übrigens bis in die kleinsten Einzelheiten nach dem Vorbild Irvings geformt, hat sich eine schlichte Poetologie zusammengebastelt: "Eine Geschichte ist in sich stimmig oder eben nicht." Sie meint: "Zum Geschichtenerzählen brauchte man im Grunde nichts anderes als einen sehr ausgeprägten gesunden Menschenverstand." Dieser Maxime folgt auch Irving. Er kann über sich selbst und seine Einfälle lachen. Das macht selbst die hanebüchensten Wendungen seiner über Stock und Stein stolpernden Handlung erträglich. Der postmoderne Interpret nickt verständig. Der Leser weint und lacht. Am Anfang, als Eddie gerade von der Mutter abgestiegen war, beruhigte Marion ihre Tochter: "Schrei nicht, Schätzchen. Wir sind es nur, Eddie und ich." Am Ende, wieder in dem gleichen Haus auf Long Island, lautet der letzte Satz: "'Weine nicht, Schätzchen', sagte Marion zu ihrer einzigen Tochter. 'Wir sind es nur, Eddie und ich.'" Dazwischen ist viel passiert, und alles ist gut geworden.

· John Irving: Witwe für ein Jahr