Es ist alles sehr, sehr lange her. Daß so viel Schnee lag, daß sich so viele Lawinen lösten. Und daß der Wirt Günther Kurz die Gäste in seiner Pension Waldschlössel bitten mußte, nicht mehr das Haus zu verlassen, "zur eigenen Sicherheit", das hat es überhaupt noch nie gegeben.

"Um nach Ischgl zu kommen", hatte mir am Abend in der Kaserne von Landeck ein Major geraten, "müssen Sie morgen früh auf dem Parkplatz von Pians nur so lange warten, bis ein Hubschrauber der Firma Wucher kommt." Dann hatte er mir ein Zimmer in der Kaserne überlassen - machte zusammen mit Frühstück am anderen Tag elf Schilling (eine Mark und fünfundvierzig Pfennig), zu bezahlen beim Kassenoffizier im ersten Stock. Vergelt's Gott.

Jetzt waren wir hier noch 6000 Gefangene. Kategorie 1 bis 5. Kategorie 5 waren die, die gar nicht mehr da waren. Die, in Pelzmänteln und mit Tausendmarkscheinen wedelnd, schon in den vergangenen Tagen einen der wenigen Hubschrauberplätze ergattert hatten. Teilweise mit Tricks. Wie dem eines Münchner Schönheitschirurgen, der sich per Fax von einem Kollegen "bestätigen" ließ, er müsse wegen einer dringenden Herzoperation sofort ausfliegen. Kategorie 2 bis 4 waren die Hotel- und Pensionsgäste in den Zonen grün (lawinensicher), gelb (noch halbwegs sicher) und rot (sehr unsicher). Und 1 waren die armen Schlucker. Die, denen durch den unfreiwillig verlängerten Aufenthalt die Schillinge ausgegangen waren und die ihr Hotelzimmer nicht länger bezah- len konnten. Sie wohnten im Matratzenlager auf dem Boden der Gemeindehalle - "umasunscht", wie der Österreicher sagt.

Ein Mitarbeiter des Tourismusbüros von Ischgl bat den mich begleitenden Fotografen eindringlich, kein Foto von dem Matratzenlager zu machen. Nicht der bedauernswerten Gäste wegen. Aus Rücksicht auf das Image von Ischgl. Denn Schnee, so steht es hier auf einem farbigen Prospekt, macht "jung, schön und glücklich". Überhaupt wurde Magister Alfons Parth, auf dem Ischgler Rathaus verantwortlich für den Tourismus, mit jedem Tag absonderlicher. Hatte er anfangs noch in ganzen Sätzen gesprochen und dabei sogar versucht, freundlich zu sein, behauptete er nach dem Lawinenunglück von sich, er sei gar nicht anwesend und nicht mehr zu sprechen. Und seinem Bürgermeister Herbert Aloys verbot der Tourismuschef quasi, sich zu den Verhältnissen zu äußern, woran der Bürgermeister sich auch hielt. Denn in Ischgl ist der Bürgermeister nur scheinbar das Amtsoberhaupt. Das wirkliche Sagen haben hier die Hoteliers und der Tourismuschef.

Insofern war auch der Rechtsanwalt aus dem badischen Rastatt, der an einem Vormittag, als im Rathaus der Krisenstab tagte, mit hochrotem Kopf das Sitzungszimmer stürmte, um "dem Herrn Bürgermeister mal die Meinung zu sagen", eigentlich an der falschen Adresse. Dennoch tobte der Doktor der Juristerei so lange, bis Gemeindebedienstete ihn auf den Flur hinausdrängten, wo er jedem drohte, nach seiner Rückkehr alles der Bild- Zeitung zu erzählen. Die Rede war von Schadensersatz und Freiheitsberaubung. Man habe keinem der Urlauber an jenem Mittwoch, dem 17. Februar, mehr die Chance zur Ausreise gegeben, als die Verbindungsstraße ins Tal geschlossen worden sei. Man hatte die Schließung lediglich eine halbe Stunde vorher angekündigt.

In der Tat: Die Gäste, die man hatte, hatte man. So zahlten wenigstens die Eingeschlossenen weiter ihre Zimmerpreise, auch wenn sie teilweise in der Nacht aus Sicherheitsgründen aus ihren Zimmern in die Sauna oder den Keller verlegt werden mußten. Die Wirte von Ischgl sahen sich von einer ganz anderen Naturkatastrophe bedroht, die schlimmer sein konnte als alle Lawinen des Paznauntals zusammen: von der Umsatzeinbuße. Denn Ischgl hat mit einem Tiroler Bauerndorf so viel gemein wie ein Leberkäse mit Leber: nichts. Der Ort ist heute eine "Spaß-City" mitten in den Alpen.

Irgendwann in den siebziger Jahren hatten die ehemals armen Bewohner beschlossen, jeden Zentimeter ihres Bodens dem Fremdenverkehr zu opfern. Heute führen Tunnel mit Rollbändern von der Dorfmitte zu den Liftanlagen. Aufzüge durch den Fels bringen die Skifahrer zurück in die Hotels. Unter dem Platz, wo einmal alte Bauernhäuser im Schatten des Kirchturms standen, befindet sich die mehrgeschossige Tiefgarage. Wer in Ischgl eine Baugenehmigung bekommt, hat die Lizenz zum Gelddrucken. Immer mehr, immer weiter, immer größer. Um im Tal neues Bauland ausweisen zu können, wurden in den vergangenen Jahren für viele Millionen Mark die Berghänge gegen Lawinen gesichert. Die baumfreien, fast 3000 Meter hohen Gipfelregionen um Ischgl sind schwarz gestrichelt vor lauter Schutzzäunen. Mit jeder neuen Verbauung wird unten wieder etwas Bauland frei.