Die Welt ist schon ein Tollhaus. "Da wird also ein Hühnerdieb auf frischer Tat ertappt. Die Taschen voller Eier, in beiden Händen ein Huhn. Die Leute fragen ihn: Warum tust du das? Sagt der Hühnerdieb: Ich will erst mal meinen Anwalt sprechen. Sagen die Leute: Wir haben dich auf frischer Tat ertappt. Was brauchst du einen Anwalt? Sagt der Hühnerdieb: Das frage ich mich auch."

Kein Geringerer als Präsident Süleyman Demirel erzählte diesen Witz vor laufenden Fernsehkameras. Und die Botschaft kam an. Als zwei von Öcalans Anwälten am Donnerstag voriger Woche erstmals ihren Mandanten besuchten, wurde ihr Bus von einem aufgebrachten Mob türkischer Nationalisten mit Steinen beworfen. Tags darauf wurde einer der insgesamt fünfzehn Anwälte verhaftet, weil er Kontakte zur PKK unterhalte. Ein weiterer Anwalt, Ahmet Zeki Okçuo*glu, legte sein Mandat nach mehreren Morddrohungen nieder.

"Die Türkei lebt in einer nationalistischen Hysterie"

Diese Hühnerdieb-Justiz findet ihre Entsprechung in den Hurra-Artikeln türkischer Massenzeitungen. Täglich berichten sie in großer Aufmachung, was Öcalan angeblich ausgesagt hat. "Ich verfüge über 2,25 Millionen Dollar Bargeld und habe mehrere Häuser. Es stimmt, daß ich eine Schwäche für Frauen habe" (Sabah). "Ich habe die Macht der türkischen Republik begriffen. Jetzt verstehe ich, daß wir uns auf leere Träume eingelassen haben" (Hürriyet). "Hängt mich nicht, dann werde ich alles erzählen" (Milliyet).

"Seit der Verhaftung Öcalans lebt die Türkei in einer nationalistischen Hysterie", meint der Schriftsteller und Publizist Yildirim Türker. "Ein Gefühl des Sieges liegt in der Luft und wird regelrecht zelebriert. Der Staat benutzt Öcalan, um die Kurden insgesamt zu demütigen: Seht her, was für ein Feigling er ist. Fast alle Kurden, die ich kenne, empfinden Traurigkeit. Nicht, weil sie Sympathien für Öcalan hätten. Sondern weil sie ihre Ohnmacht gegenüber einem Staat spüren, der die Kurdenfrage zu lösen glaubt, indem er Öcalan zunächst dämonisiert und dann der Lächerlichkeit preisgibt."

Erst 1991 wurde die Existenz von Kurden in der Türkei offiziell anerkannt. Vorher konnte schon die öffentliche Verwendung des Wortes "Kurde" strafrechtlich verfolgt werden. Seither nun gelten Türken und Kurden als Brüder. Aus der Sicht der Mehrheitsparteien, der staatlichen Institutionen und der Armee gibt es keine Kurdenfrage, weil den Kurden in der Türkei in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft alle Wege offenstünden. In der Tat gibt es kurdische Generäle, Politiker, Wirtschaftsführer. Denen ist allerdings gemein, daß sie "turkifizierte" Kurden sind. Assimilierte Kurden. Ein Kurde, der öffentlich kollektive Rechte für Kurden einfordert - zum Beispiel kurdischen Sprachunterricht an den Schulen, regionale Selbstverwaltung in kurdischen Mehrheitsgebieten -, macht sich strafbar und wird wegen "Separatismus" belangt.

Oder er kommt auf unerklärliche Weise zu Tode. Am 31. Dezember 1995 waren bei den Staatssicherheitsgerichten insgesamt 13665 ungeklärte Todesfälle registriert. Allein 11699 dieser Todesfälle entfielen auf die Kurdenregion um Diyarbakðr. Es handelt sich dabei wohlgemerkt nicht um PKK-Kämpfer. Die werden in anderen Statistiken geführt.