In Buenos Aires herrscht fieberhafte Erregung. Die Garnison der Hauptstadt liegt in Alarmbereitschaft und die Packerinnen im Hafen reißen den Zeitungsjungen die neuesten Ausgaben ebenso hastig aus den Händen wie die Flaneure auf der Avenida Alvear; man intrigiert und komplottet; in den Räumen des exklusiven Jockeiklubs brennt jede Nacht bis in die Morgenstunden Licht und das Gerücht will nicht verstummen, daß die Flughafenverwaltung auf höchsten Befehl ein Ticket nach Brasilien in das Regierungspalais gesandt habe. Der "Salonkrieg" in der Metropole am Rio de la Plata hat seinen Höhepunkt erreicht. Waffen, Geist und Mammon stehen gegen die verführerischen Reize und die Klugheit einer 29jährigen jungen Dame; konservative Militärs, katholischer Klerus und wohlhabende society gegen Eva Maria Duarte de Perón. Es ist nicht das erste, aber vielleicht das letzte Mal, daß die alte Herrenschicht das Abtreten der "rosigen Eminenz" von der politischen Bühne verlangt. Denn "la Presidenta", die Chopin liebt und Plutarch liest, wird diesmal schonungsloser zurückschlagen wollen als bisher. Schon die Eröffnungsspekulationen ihrer Feinde auf einen kürzlich bekanntgewordenen Ehezwist im Hause Perón erwiesen sich als verfehlt. "Meine Frau und ich stehen und fallen zusammen", erklärte der Staatschef kategorisch. Die erste Runde ging an Evita. "Alles oder nichts", dachte vor 16 Jahren das kleine rotblonde Mädchen, das bettelarm und barfüßig seinen Einzug in Buenos Aires hielt. Es blieb diesem Grundsatz treu: als Verkäuferin, als college girl und als Senorita Radio, dem Film- und Funkstar mit der betörenden Stimme. Wie viele Männer aller Gesellschaftsschichten die steile Leiter ihrer Karriere gehalten haben? Quién sabe? Fest steht nur, daß sie gescheit genug war, nicht vorschnell den Falschen zu heiraten. Die Romanze ihrer Liebe mit Juan Domingo Perón begann an einem warmen Frühlingsabend 1944 unter dem Denkmal des großen Präsidenten Roque Saenz Pena. Weihnachten nächsten Jahres ließen sie sich heimlich in Magdalena trauen. Aus einem pin-up-girl war eine pin-up-lady geworden; Aschenbrödel wurde Königin.

Doch die Pforten zu den Salons der exklusiven Gesellschaft blieben der first lady verschlossen. Eine Marquise da Ganay, aus der allmächtigen Familie Bemberg und ihresgleichen empfingen keine Dame, deren Wiege in einer elenden Bauernhütte in Los Toldos gestanden hat. Und als der "darling of the world" im vorigen Jahr seine berühmte goodwill-Tournee durch Europa antrat, auf der der Papst ihr einen kleinen goldenen Rosenkranz schenkte, Franco ihr den Stern "Isabellas der Katholischen" und Bidault ihr das Kreuz der Ehrenlegion unter das tiefe Dekolleté heftete, auf der ein Spezialflugzeug die fünfzig Schrankkoffer mit der Garderobe der "Weizenlady" von Hauptstadt zu Hauptstadt flog, und sie trotz peinlicher Zwischenfälle mit Salazar, dem Schweizer Bundespräsidenten Ettler und dem Grafen Sforza speiste - auf diesem Triumphzug weiblicher Diplomatie mußte "La belle Blonde" es in Paris erleben, daß unter dem skandalösen Titel "Vom Bordell zum Vatikan" eine Broschüre verbreitet wurde, deren Spuren wiederum in das Palais der Bembergs wiesen. Evita aber pflegt keine Demütigungen ungerächt hinzunehmen. Nach ihrer Rückkehr erleichterte sie im Namen des Staates die Rotschilds von Buenos Aires um mehrere hundert Millionen Peseten. Der Salonkrieg ging weiter.

Diese Rubrik wird betreut von Jeanine Kantara