Wer Gregor Gysi in der Kirche reden läßt, der kann gleich einen KZ-Kommandanten auf die Kanzel bitten. Wer Freya Klier zu predigen erlaubt, der sollte auch Margot Honecker einladen. Was verbindet diese Sätze? Beide sind von erheblicher Idiotie. Was unterscheidet sie? Der zweite blieb bis dato ungesagt in dem gewaltigen Kirchenkampf, der Thüringen derzeit erschüttert.

In den wechselnden politischen Systemen war die evangelisch-lutherische Landeskirche Thüringens stets eine verständnisvolle Partnerin der jeweils herrschenden Verhältnisse. Als ausgangs der SED-Diktatur die oppositionellen Geister in die Gotteshäuser drängten, da sprach zu Eisenach der Bischof Werner Leich: "Die Kirche ist für alle da, aber nicht für alles." Leichs Ostberliner Amtsbruder Gottfried Forck und viele Gemeindepfarrer legten ihre christliche Weltverantwortung gottlob politischer aus. Sie öffneten ihre Kirchen, ohne die Zuläufer nach dem Taufschein zu fragen. Von dieser Toleranz profitierte auch die Regisseurin Freya Klier mit ihrer regimekritischen Revue Pässe, Parolen.

Endlich, dachte ich froh. Sie trauen sich wieder was im Kernland der Reformation. Ich sagte zu. Die Reden-Reihe begann, mit großem Erfolg. Die Zahl der Gottesdienstbesucher stieg, es gab rege Diskussionen. Was leider gleichfalls in Schwung kam, waren Thüringens herrschende Verhältnisse. Am 15. 1. nannte die CDU-Ministerin Christine Lieberknecht die Kirche "politisch naiv und fahrlässig", falls Gregor Gysi auftreten dürfe. Am 18. 1. warnte Staatskanzleichef Michael Krapp (CDU), daß "Gottesdienst auf diese Weise zum Politikerdienst" werde. Wo Predigt draufstünde, müsse auch Predigt drin sein. Am 19. 1. erwiderten Bischof und Landeskirchenrat, es handele sich ja nicht um Predigten im theologischen Sinne, sondern um bibelbezogene Reden. Und die Auswahl der Redner obliege den Gemeinden; man vertraue deren Gabe, "die Geister zu scheiden".

Darauf strich sich am 23. 1. Kultusminister Althaus (CDU) von der Rednerliste. Am 24. 1. trat Freya Klier zurück, und zu. Gysi, enthüllte sie, sei einer der übelsten Demagogen Deutschlands. Spitzel! Skrupellos! Gerissenster unter den falschen Propheten! Verhöhnung Gottes! "Herr Gysi würde umstandslos drei Brocken Türkisch lernen, wenn sich dies propagandistisch ausschlachten ließe, warum also nicht drei Brocken Bibeltext?" Und so fort.

Am 27. 1. schrieb Landtagspräsident Pietzsch (CDU) an Bischof Hoffmann: "Ich bitte Sie als Bischof um geistliche Führung, wenn man es denn von einer Reihe Pastoren nicht mehr erwarten kann. Wenn Atheisten das Wort Gottes auslegen (schon ein Widerspruch in sich selbst), wird es zu Zerreißproben für die Gemeinden kommen." Dem Wort der Macht folgte das Machtwort. Am 2. 2. fiel der Landeskirchenrat um wie ein Mann. Er verbot sämtliche Gastreden, "weil durch diese Reihe unsere Gemeinden in eine Zerreißprobe geraten sind". Am 3. 2. textete Bischof Hoffmann einen Brief reißfesten Inhalts: "Sehr geehrter Herr Gysi! Die Zerreißprobe innerhalb und außerhalb unserer Kirche wird zu groß. Aus diesem Grunde muß ich Sie auf Empfehlung des Landeskirchenrats überhaupt ausladen. Eventuell gibt es ein neues Projekt zu anderer Zeit und nicht im Rahmen eines Gottesdienstes. Ich bitte Sie um Verständnis, daß ich Sie auch hierzu ausladen muß. Mit freundlichem Gruß, Ihr (...)".

Die Weimarer Kirchengemeinde verwahrte sich gegen ihre bischöfliche Entmündigung. Der Kreissynodalvorsitzende annoncierte seinen Rücktritt. Gysi, der Entsorgte, verwunderte sich per Brief an Bischof Hoffmann vom 9. 2., "daß Sie mich ausgeladen haben, obwohl Sie mich gar nicht eingeladen hatten. (...) Wenn auch aus anderen Gründen als Sie fürchte ich - obwohl nicht religiös - eine gottlose Gesellschaft nicht weniger als Sie."

Ach, es ist so schade. Die höhere Weisheit des Predigttext-Kalenders plante Großes mit Beelzebub Gysi. Er hätte über den Lohn der Nachfolge (Lukas 18, 28-30) reden müssen. Und Freya Klier über den Text ihrer Träume, Lukas 11, 14-23: "Wer nicht mit mir ist, der ist wider mich..."