Eine neue Mitte sucht ihr Zentrum. Es muß ihn doch irgendwo geben, diesen Ort der Übereinkunft, an dem auch die zerfranste Gesellschaft sich als Gemeinschaft erlebt. Vielleicht gar als Nation. So hält die Republik Ausschau nach einer Vergangenheit, die eint; nach einem Ideal, das zusammenbindet; nach einer Ästhetik, in der sich die vielgeteilte Öffentlichkeit wiederbegegnet. Bislang luden vor allem zwei Orte zu dieser deutschen Selbsterfindung ein: der Schloßplatz im Herzen Berlins und die Stadtbrache, auf der das Holocaust-Mahnmal entstehen soll.

Immer hatte die elfjährige Debatte um dieses Denkmal etwas Bekenntnishaftes, als gehe es darum, ein Fundament für die wiedervereinigte Republik zu legen. Auschwitz als Gründungsmythos der Berliner Republik? Diese Frage begleitete unterschwellig die Diskussion und fachte sie immer wieder an.

Am zweiten Ort der Selbstverständigung wird weniger über historische Verankerung gestritten - obwohl das Projekt, die Rekonstruktion des Stadtschlosses fast 50 Jahre nach dessen Sprengung, zunächst danach aussieht. Eher steht eine ästhetische Kontroverse im Vordergrund. Die Gegner des Wiederaufbaus fürchten, das Authentische, das Wahrhaftige könnte durch ein neues altes Schloß verraten werden, sie warnen vor einem städtischen Stilmöbel der Gemütlichkeit. Gerade um dieses aber geht es den meisten Befürwortern, zu denen sich seit einigen Wochen auch der Bundeskanzler bekennt. Er möchte mit dem Schloß das Gemüt des Volkes streicheln, er wünscht sich ein ansehnliches Staatsgehäuse, zu dem man gerne hingeht; einen Ort, der ein Wir intendiert. Während sich auf dem Mahnmalsgelände ein nationales Gewissen formt, dient sich der Schloßplatz der deutschen Seele an (wie es der Kanzler sagen würde).

Historische Verortung, ästhetische Ausschmückung - wo bleibt das Politische? Warum findet sich kein städtisches Szenario, in dem ein lebendiger Austausch über Gegenwart und Zukunft entstehen könnte?

Es gibt einen solchen Ort, der für eine Debatte prädestiniert ist - aber kaum jemand kennt ihn. Er liegt mitten im Regierungsviertel, zwischen dem Kanzleramt, das gerade gebaut wird, und den neuen Verwaltungsbauten am Reichstag, und nennt sich Bürgerforum. Die Idee für dieses Forum stammt von den Architekten Axel Schultes und Charlotte Frank, die 1993 den städtebaulichen Wettbewerb für das neue Quartier gewonnen hatten. Doch obwohl sich die beiden immer mit Verve für das Forum einsetzten, fanden sie weder im alten Kanzler noch in der alten Bundestagspräsidentin entschiedene Befürworter. So recht wollte diesen nicht einleuchten, wofür denn ein solcher Platz eigentlich gut sein könnte. Daß es kein Programm und keinen vorherbestimmten Zweck geben sollte, war ihnen suspekt. Ein Symbolort - doch Symbol wofür?

Gerade darüber könnte man streiten. So wie die städtischen Leerstellen am Palast der Republik und am Brandenburger Tor immer neue Gedankenspiele auslösten, so hätte auch die 100 mal 150 Meter große Fläche des Bürgerforums die Lust am Denken und Fabulieren beflügeln können. Auch hier lebt bislang nur die Vorstellung, sonst nichts. Doch niemand nutzte die Brache - zum Beispiel für eine Debatte darüber, welche Bedeutung denn solch ein öffentlicher Raum für unsere Demokratie überhaupt noch hat.

Das Desinteresse ist symptomatisch. Daß bis heute das Bürgerforum nur Städteplanern ein Begriff ist und in den Diskussionen über die Neuregelung der Bannmeile nie genannt wurde, hat vor allem einen Grund: Als Austragungsort politischer Meinungsbildung werden unsere Städte kaum noch ernstgenommen. Der öffentliche Raum als ein Raum der Diskurse verliert an Relevanz - nicht nur im neuen Regierungsviertel.