Uralt ist die Geschichte der Liebe zu dritt, einen Bart hat sie und viele Zöpfe. Und ist doch immer wieder wie neu. Eine unendliche Geschichte, im Leben und in der Literatur, in der Realität und in der Phantasie. Unzählige Varianten kennt sie - auch auf der Bühne: In Prosa oder in Versen kommt sie daher, als Tragödie, als Lustspiel, als Farce, auf schwerem Kothurn oder im Boulevardschritt. Doch ob heiter und leicht, ob traurig und tränenreich, ob philosophisch, moralisch, pragmatisch, am Ende läuft sie stets auf die banale Erkenntnis hinaus: Drei sind einer zuviel - so lautet der Titel einer soeben im Aufbau-Verlag erschienenen Anthologie von Dreiecksgeschichten.

Drei sind einer zuviel: Das haben auch Goethes Zeitgenossen nicht anders gesehen. Der 26jährige Dichter der Stella, selbst nicht unerfahren im amourösen Hin-und-hergerissen-Sein, hatte sich in seinem "Schauspiel für Liebende" das kühne Finale eines Bundes zu dritt ausgedacht: "Eine Wohnung, Ein Bett und Ein Grab". Nach der Uraufführung in Hamburg, 1776, schlug ihm helle Empörung entgegen. Der kampferprobte Hauptpastor Johann Melchior Goeze, der schon wider Lessing die moralische Keule geschwungen hatte, entrüstete sich: "Ich dachte, die Schaubühne hätte den Zweck, die Tugend als reizend und die Laster als abscheulich und verderblich vorzustellen." Ein Anonymus schrieb zu Goethes fünf Akten einen sechsten hinzu und giftete gegen die Ehe "auf gut türkisch". Die Aufführung wurde abgesetzt.

Wie es dann weiterging, haben wir schon in der Schule gelernt, im Kapitel Vom Sturm und Drang zur Klassik. 1803 schrieb Goethe, inzwischen ums Doppelte älter und beraten vom seriösen Dichterfreund Schiller, den Schlußakt um: Aus der frivolen Utopie wurde ein braves Trauerspiel. Stella, die Geliebte, nimmt Gift, Fernando, der ewig Unentschlossene, der Flattrige, gibt sich die Kugel; zurück bleibt Cäcilie, die schmerzensreiche Gattin. Der Doppelselbstmord stellt die bürgerliche Ordnung wieder her.

Das Theater freilich hat sich um Goethes Weimarer Reifungsprozesse bald nicht mehr scheren wollen, es hat die Revision revidiert. "Geht's mir weg mit der Schlächterei", spottete Alfred Kerr 1920, er gab der "morganatischen" Fassung den klaren Vorzug vor der tragischen. Gespielt wird heute meist der erste, der utopische Schluß - für ihn spricht die anarchische Energie, nicht unbedingt die Realitätsvermutung. Weshalb die Regisseure ihn kaum je als ungetrübte Idylle vorführen, sondern mit Skepsis und Ironie durchsetzen - und gelegentlich auch mit der zweiten, der düsteren Variante verschränken. Ein Märchen mit Fragezeichen.

Jetzt hat Andrea Breth, zu ihrem Abschied von der Berliner Schaubühne, das Stück inszeniert. Begonnen hatte sie dort, die große, schwierig gewordene Tradition am Hause Peter Steins fortführend, 1991 mit Schnitzlers Einsamem Weg - ein Titel, der über der Arbeit der ganzen sieben Jahre ihrer künstlerischen Direktion stehen könnte. Auch über diesem Abend. Denn nichts ist hier wie sonst. Auf alle Aktualisierungen, auf alle ironische Spielerei hat Andrea Breth verzichtet. Zwar hat auch sie sich für den Hoffnungsschluß entschieden - aber was für eine Hoffnung könnte das noch sein? Ist es wirklich ein Ende ohne den Schrecken - oder nicht doch eher der Schrecken ohne ein Ende? Andrea Breths Stella ist ein Nachtstück von Anfang an.

Der Ort des erhofften und unverhofften Wiedersehens, die Postmeisterei, das Haus der Baronesse Stella, für Fernando einst "der Schauplatz all meiner Glückseligkeit" - es ist kein locus amoenus, es ist ein Schattenreich. Nur zu Beginn lassen sich auf Arwed D. Gorellas Bühne, einem abstrakten Traum- und Gedankenraum in Ocker, Blau und Grau, noch Spuren eines realen, alltäglichen Lebens ausmachen - Tische und Stühle, ein paar gestapelte Ballen im Hintergrund, Reste von Milieu. Doch von Akt zu Akt wird alles kahler und leerer, eine weiße, gebirgige Eiswüste wächst ins Bild, Weltraumkälte. Ein Paradies auf Erden, ein Garten Eden der Liebe wird hier nie zu finden sein.

"Ich bin verloren", bin "verbannt aus deiner Schöpfung": Die Worte und Sätze, die Jutta Lampe als Cäcilie, Corinna Kirchhoff als Stella zu sprechen haben - man hört sie jetzt wie neu. Und spürt die Radikalität, die Besessenheit, mit der diese Regisseurin aus vermeintlich vertrauten Texten die Einsamkeitsangst, die Verzweiflung heraushört. Mit der gleichen Unerbittlichkeit hat sie vor Jahren am Wiener Burgtheater Kleists Zerbrochnen Krug zur Menschheitstragödie des Sündenfalls und des Paradiesverlusts verdüstert.