Seine Restlaufzeit von zwei Jahren wird Bill Clinton nicht reichen, um die Schatten der Skandale zu vertreiben und viele Ruhmesblätter für die Geschichtsbücher zu füllen. Da die blühende Wirtschaft vorerst Zufriedenheit zu Hause garantiert, bietet sich die Außenpolitik als Medium zur Profilierung an. Ein Großteil der Welt sehnt sich nach Ordnungsmustern - sicherheitspolitischen, ökonomischen, ökologischen. Wer könnte sie wirkungsvoller entwerfen als der Führer der singulären Supermacht?

Was er in seinem Bericht Zur Lage der Nation in der Außenpolitik - in diesen Rang erhob Sicherheitsberater Sandy Berger Clintons programmatische Rede vom Wochenende - verkündete, wird vielen Amerikanern nicht schmecken. Nichts ist mit selbstzufriedener Isolierung und Distanz zu den Händeln abseits der US-Küsten. Die "unerbittliche Logik der Globalisierung" verschont auch die Vereinigten Staaten nicht. Und damit meint der Präsident neben der Vernetzung der Weltwirtschaft vor allem den wachsenden Einfluß der politischen Weltläufte auf sein Land.

Die Schwierigkeiten einer aktiven Außenpolitik erleben die Amerikaner bereits bei den Friedensbemühungen im Mittleren Osten und auf dem Balkan. Aber der Präsident hat sich für seine verbleibende Amtszeit noch problematischere Prioritäten gesetzt. Doch fehlt ihm nicht nur der Rückhalt des Volkes, um Rußland und China als "offene, wohlhabende, stabile Nationen in das internationale System" zu integrieren. Auch Washingtons außenpolitisches Establishment um Jesse Helms & Co wird sich durch Clintons Realpolitik nicht vom moralischen Alleinvertretungsanspruch abbringen lassen. Das zeigt sich bei den Kälteschüben im Verhältnis zu China und in der Verachtung für Rußland (siehe Seite 6).

Zuspruch kann Clinton hingegen bei seinem Schwerpunkt Gefahrenabwehr erwarten. Das rechte Lager darf sich freuen, weil der Schutz vor Terroristen und Schurkenstaaten nach höheren Rüstungsausgaben verlangt. Mit der Aufstockung des Verteidigungsetats hat sich der Präsident viele Freunde jenseits der Grenzen seiner eigenen Partei geschaffen.

Auf besonders sperriges Terrain begibt sich Clinton bei der überfälligen Neuordnung des globalen Finanzsystems. Eine "Finanzarchitektur" soll den Devisenjongleuren verwehren, ganze Volkswirtschaften in den Abgrund zu spekulieren. Oskar Lafontaine darf sich mit seinen einschlägigen Vorstößen bestätigt fühlen. Auf dem Bonner G-7-Gipfel im Juni kann er Clinton beim Wort nehmen.

An seiner Lernfähigkeit hat dieser Präsident ohnehin nie einen Zweifel gelassen. Sie spiegelt sich wider in der Einsicht, die das Programm des Außenpolitikers auf Abruf wie ein Leitmotiv durchzieht: Auch Amerika muß Rücksicht auf andere nehmen. Für die Probe aufs Exempel werden sich Bill Clinton noch genügend Gelegenheiten bieten.