Verstecken will sich Gert-Rüdiger O. im Saal des Hamburger Amtsgerichts nicht. Das Kreuz durchgedrückt, die Arme verschränkt, tritt er seiner Richterin gegenüber. Der 41jährige Speditionsarbeiter ist wegen Körperverletzung angeklagt.

Seine Kräfte hat der bullige Mann nicht mit irgendwelchen Kneipenkumpanen gemessen - Herr O. ist auf die eigenen Kinder losgegangen. Als er sich die Fotos mit den Blessuren seiner Opfer betrachten muß, verliert er seine stramme Haltung. Bild für Bild legt ihm die Richterin quälend langsam die Beweisstücke vor. Herr O. schluckt, schüttelt den Kopf und schweigt erst einmal.

"Ich weiß echt nicht, was da in meinem Kopf ausgesetzt hat", sagt er dann leise, die Vorwürfe gibt er unumwunden zu.

Den Tag der Tat im April des vergangenen Jahres verbrachte der Angeklagte nicht mit der Familie, sondern mit drei Freunden und vielen Flaschen Alkohol. Seit morgens um elf Uhr wurde gezecht. Mindestens zwei Flaschen Rum und zwei Flaschen Korn habe die Runde niedergemacht, erinnert sich Herr O. dunkel. Gegen Mitternacht ist er dann nach Hause gewankt. Im Flur traf er auf seine Nachbarn, die sich beschwerten, daß seine Kinder so viel Lärm gemacht hätten. Herr O. versprach, für Ordnung zu sorgen.

Das tat er dann auch auf seine Weise. Er stürmte ins Kinderzimmer, zerrte die Kinder aus ihren Betten. Seinen achtjährigen Sohn Martin schlug er mehrmals ins Gesicht, ebenso die neunjährige Tochter Franziska. Die Gesichter der beiden waren nach der väterlichen Attacke blutig und geschwollen. Auch seinen elf Jahre alten Neffen, der zu Besuch war, traktierte er brutal und schleuderte ihn gegen die Wand, wobei ein Schneidezahn des Jungen abbrach.

Die Kinder versuchten dem Rasenden irgendwie zu entkommen. Das Mädchen kroch unter das Bett, die Jungen flüchteten schreiend auf die Straße. Entsetzt alarmierten die Nachbarn die Polizei. Die Beamten entdeckten Herrn O. kurze Zeit darauf schlafend in seinem Bett. Er habe einen kaum alkoholisierten Eindruck gemacht, stellte der Amtsarzt verblüfft fest, denn das Blut von Herrn O. wies 2,7 Promille auf.

"Eine Menge Holz", findet die Richterin. Doch als Alkoholiker möchte sich Herr O. nicht bezeichnen lassen. Ein paar Bier und Korn habe er immer mal gezwitschert, sagt der Angeklagte, auch der Führerschein sei "futsch", aber seit diesem Tag habe er keinen Tropfen mehr angerührt. Herr O. sagt aber auch, daß ihm das alles ohne den "verdammten Alkohol" nicht passiert wäre. Die Kinder, die nach wie vor mit dem Vater in einer Wohnung leben, habe er danach niemals wieder angerührt, beteuert der Angeklagte.