Langsam rollt die grüne Minna am KaDeWe vorbei, "wo die ganze Sache 1988 begann". Damals habe er in der Sportabteilung eine Bombe gelegt und so mit Erfolg eine halbe Million erpreßt. Den genauen Tatort könne die kleine Reisegruppe nicht besichtigen, bedauert Arno Funke achselzuckend. "Im KaDeWe habe ich jetzt Hausverbot."

Dagobert ist zurück. Mit einer bombigen Geschäftsidee als Baustein für den Start als Jungunternehmer und die Rückkehr ins bürgerliche Leben. Nach seiner voraussichtlichen Haftentlassung im April 2000 will der wohl berühmteste Kaufhauserpresser aller Zeiten seine ungebrochene Popularität nutzen und Touristen für 25 Mark pro Nase Auf Dagoberts Spuren durch Berlin führen. Die Firma Dagobert Tours hat er im Knast von Berlin-Plötzensee bereits gegründet. Während seiner Freigänge suchte der prominente Knacki die Wirkungsstätten seiner kriminellen Vergangenheit auf und tüftelte in seiner Zelle ein dreistündiges Stadttourkonzept aus.

Erinnern wir uns: Auf das Konto von Funke alias Dagobert gingen zwischen 1992 und 1994 sechs Sprengstoffanschläge, eine 1,4-Millionen-Mark-Forderung an Karstadt und neun Verabredungen mit der Polizei zur Geldübergabe. Mit technischer Raffinesse, Intelligenzquotient 145 und viel Anarcho-Appeal führte der gewitzte Gauner die Fahnder der Polizei zwei Jahre lang immer und immer wieder in die Irre.

Zur Pilot-Tour Mitte Februar hatte Funke einen illustren Kreis alter Bekannter geladen - und alle, alle kamen: Richter, Staatsanwälte, Gefängniswärter, Kripokommissare. Daß sogar Ulrich Tille, ehemals Chef der Soko Dagobert, extra aus Hamburg angereist war, freute den geläuterten Erpresser ganz besonders. Die ZEIT durfte als einzige Zeitung exklusiv dabeisein.

Tatort Güterbahnhof Charlottenburg, ein stillgelegtes Eisenbahngleis. Im Nu hat sich Funke mit Blaumann, Warnweste und Bauhelm bekleidet, so wie damals, als er Bahnstrecken ablief und Übergabeorte suchte. Stolz hebt er ein kleines Schienenfahrzeug hoch, jene selbstgebastelte Minilore, die vor wenigen Jahren alle Titelblätter zierte. Sie sollte eine Holzkiste mit 1,4 Millionen Mark in sein Versteck bringen, entgleiste jedoch kurz vor dem Ziel. "Künstlerpech", sagt Dagobert selbstironisch. Er selbst konnte seinen Verfolgern durch die angrenzende Laubenkolonie entwischen. Er hält einen vergilbten taz-Artikel hoch: "Dagobert ist klüger, als die Polizei erlaubt". Sozusagen als vorzeitiges Entlassungsbonbon erhielt Funke die Lore an diesem Nachmittag von der Polizei zurück.

Souverän dirigiert Funke den olivgrünen Polizeibus, der ihm vom Leiter der Justizvollzugsanstalt Moabit zur Verfügung gestellt wurde, zu den Stätten seines früheren Wirkens. Am liebsten würde er das stilechte Gefährt, das mit seinen vergitterten Fenstern eigentlich dem Gefangenentransport dient, im kommenden Jahr auch für normale Touristen chartern.

Tatort S-Bahnhof Heerstraße: Hier wurde ein Geldpaket aus dem IC Käthe Kollwitz abgeworfen. Tatort Gervinusstraße in Charlottenburg, wo ein Schupo just in der Sekunde, als er den fliehenden Dagobert am Kragen packen wollte, auf einer Ladung Hundekot ausrutschte. Tatort Telefonzelle an der Walt-Disney(!)-Grundschule in Rudow, von wo der Erpresser die Kripo anrief und 2300 Polizisten dem Phantom nachjagten.