Bayer begeht den Festtag in Christo-Manier. Seit Tagen sind 50 Alpinsportler damit beschäftigt, die Zentrale des Leverkusener Chemiekonzerns in grünweiße Stoffbahnen zu hüllen. Rechtzeitig zum hundertsten Geburtstag der Aspirin-Tablette am kommenden Samstag wird sich das Bayer-Hochhaus in eine überdimensionale Arzneischachtel verwandeln. Spätestens dann ist es nicht mehr zu übersehen: Aspirin ist nicht einfach irgendeine Pille, sondern ein Gigant auf dem Arzneimittelmarkt. In über 90 Ländern dieser Erde gehört das Medikament zur Grundausstattung jeder Hausapotheke.

Das bekannteste Schmerzmittel der Welt ist auch für den Hersteller Bayer selbst unentbehrlich: Ein Jahrhundert nach der Markteinführung trägt Aspirin jährlich rund eine Milliarde Mark zum Umsatz (1997: 55 Milliarden Mark) bei. Daß die Quelle eines Tages versiegen könnte, ist nicht abzusehen. Ständig werden neue Anwendungsgebiete für die Pille mit dem Kreuz entdeckt. So lindert die Acetylsalicylsäure nicht nur Schmerzen, sondern wirkt auch vorbeugend gegen Herzinfarkt, Schlaganfall und - wie jüngste Forschungsergebnisse vermuten lassen - auch Dickdarmkrebs.

Mit seiner langen Produktgeschichte steht Aspirin für alles, was unter dem Bayer-Kreuz heilig ist: Innovation, Internationalität und vor allem Kontinuität. Während sich die Wettbewerber radikal aus der Chemie verabschieden, um sich auf das rentablere Pharmageschäft zu konzentrieren, bekennt sich Bayer-Chef Manfred Schneider in jedem Interview wieder zum Kombikonzern. Auch von der Fusionitis, die in der Pharmabranche um sich greift, haben sich die Leverkusener nicht anstecken lassen.

Ruhig sah Manfred Schneider zu, wie seine Wettbewerber Ciba und Sandoz, Hoechst und Rhône-Poulenc ihre Chemie ausgliederten. Wie sie sich paarweise zusammentaten, wie sie Life-Science-Konzerne mit den synthetischen Namen Novartis und Aventis entwarfen.

Ohne jedes Spektakel wurde der Konzern umgebaut

In Leverkusen dagegen ging alles seinen ganz eigenen Gang. Nicht, daß sich bei Bayer nichts verändert hätte. Ganz im Gegenteil. Rund 15 Milliarden von 55 Milliarden Mark Umsatz hat Konzernchef Schneider seit 1996 ausgetauscht. Doch während andere mit Totaloperationen Schlagzeilen machten, ging Schneider - Schnitt für Schnitt - eher feinchirurgisch vor. Und so hat es die Öffentlichkeit kaum wahrgenommen, wie sich das Unternehmen verändert. Nur Experten haben bemerkt, daß auch der Leverkusener Konzern längst dabei ist, den Schwerpunkt vom Chemie- ins Gesundheitsgeschäft zu verlagern.

So beteiligte sich Bayer etwa an dem US-Forschungsunternehmen Millennium Pharmaceuticals, um Zugang zu gentechnischen Schlüsseltechnologien zu bekommen. Außerdem kaufte Schneider für 1,9 Milliarden Mark den amerikanischen Diagnostika-Hersteller Chiron - immerhin der größte Kauf in der 135jährigen Unternehmensgeschichte.