In Berlin leben nach einer Zählung der Akademie der Künste 347 Schriftsteller, Dunkelziffer unbekannt. Michael Bienert, der auch den Brecht-Leitfaden für Berlin verfaßte, entwirft in seinem Buch Berlin - Wege durch den Text der Stadt (Klett-Cotta, Stuttgart 1999; 228 Seiten, 36,- Mark) ein Koordinatensystem über die literarische Szene der deutschen Hauptstadt. "Manche öde Szenerie im heutigen Berlin sieht anders aus, wenn wir sie durch das Temperament eines längst verstorbenen Schriftstellers betrachten", heißt es in der Einleitung des Buches, das die Stadt literarisch interessierten Lesern in sieben Kapiteln erklärt. Der Autor Michael Bienert hilft literarischen Spurensuchern in Berlin nicht nur in seinen Büchern, sondern auch persönlich als Führer auf die Sprünge. Informationen dazu gibt es bei StattReisen Berlin, Telefon 030/455 30 28.

Der Palast der Republik liegt Berlin schwer im Magen: Von 1976 bis 89 traten dort Breschnew, aber auch Katja Ebstein und James Last auf. Hier spielte die DDR große Welt und spulte ihre Volkskammersitzungen ab, während nebenan Hochzeiten und Kegelabende über die Bühne gingen. Von Erichs Lampenladen zur Asbestruine (Argon-Verlag, Berlin 1998; 220 Seiten, 29,80 Mark) erzählt die Geschichte des Palastes in kleinen Texten von Besuchern und Beschäftigten. Gerade in der Naivität und Sentimentalität vieler Beiträge kommt die Bedeutung zum Vorschein, die das wegen Asbestverseuchung seit 1990 geschlossene Gebäude für viele ehemalige DDR-Bürger bis heute hat. Eine ebenso schöne wie unfreiwillige Satire veröffentlicht der ehemalige Leiter des Volkskammer-Apparats, Herbert Kelle, der die Sitzung im Oktober 1989 einen "bis dahin unvorstellbaren Ausbruch von Demokratie" und Honecker "einen außerordentlich fleißigen Menschen" nennt, dem unglücklicherweise "ein musisches Empfinden" gefehlt habe.

Die Gethsemanekirche zählt zu den Sehenswürdigkeiten am Prenzlauer Berg, nicht nur wegen ihrer Architektur oder Barlachs Skulptur Geistkämpfer, sondern auch wegen ihrer Bedeutung im Vorfeld der Wende. Das Bezirksamt hat jetzt den Band Prenzlauer Berg Kunstspaziergänge (Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 1998; 200 Seiten, 24,80 Mark) herausgegeben, der Großstadtwanderer auf zwei verschiedenen Routen durch den kunterbunten Stadtteil führt, dessen schillernde Gegenkultur schon in den siebziger Jahren den DDR-Literaturbetrieb unterlief. Das Buch spiegelt im Text und in seinem 400 Fotos nicht nur die Vergangenheit, sondern auch die Gegenwart des "Prenzlbergs" wider, der in seinen Mietskasernenvierteln zur Jahrhundertwende auf engstem Raum rund 300 000 Menschen beherbergte. Heute leben nur noch knapp halb so viele Bewohner links und rechts der Schönhauser Allee. Die Kunstspaziergänge führen natürlich auch zu den Orten, an denen Käthe Kollwitz als berühmteste Künstlerin des Bezirks wohnte und arbeitete. Der nach ihr benannte Platz ist heute Mittelpunkt des Kiezes am Prenzlauer Berg.

Berlins Prachtboulevard war die Straße Unter den Linden einmal. Dann, von 1945 bis 89, "die repräsentativste Sackgasse der Ideologie". Früher ritten hier preußische Könige und deutsche Kaiser aus, flanierten Adel und Großbürgertum, deren Bigotterie Heinrich Heine in Verse kleidete: "Blamier mich nicht, mein schönes Kind, und grüß mich nicht Unter den Linden. Wenn wir nachher zu Hause sind, wird sich schon alles finden." Ein historischer Essay von Dieter Hildebrandt leitet den Bildband Unter den Linden (Nicolaische Verlagsbuchhandlung, Berlin 1997; 136 Seiten, 29,80 Mark) ein, dessen Aufnahmen den Boulevard zwischen dem Brandenburger Tor im Westen und der Schloßbrücke im Osten von den Anfängen der Fotographie 1855 bis 1936 zeigen. Wenngleich die berühmte Straße 1989 aus ihrem Dornröschenschlaf erwacht ist, zeigt das Buch doch, wieviel durch die Zerstörungen im Zweiten Weltkrieg unwiederbringlich verlorengegangen ist.

Den Ritterschlag, ein Nabel der Welt zu sein, bekommen die Metropolen dieser Welt erst dann, wenn die legendäre Globetrotter-Reihe Lonely Planet ihnen einen eigenen Band widmet. Berlin gehört jetzt neben sieben anderen europäischen Städten dazu (Lonely Planet Publications, London 1998; 275 Seiten, 8.99 Pfund). Der englischsprachige Reiseführer ist für Berlinbesucher aus dem Ausland geschrieben, aber gerade das macht die Lektüre spannend. Berliner gehören weltweit zu den heftigsten Rauchern, befindet der Lonely Planet und empfiehlt seinen Lesern, den blauen Dunst in Kneipen und Restaurants klaglos zu ertragen, als wäre man "in einem alten Bette-Davis-Film". Die deutschstämmige Autorin Andrea Schulte-Peevers beurteilt Berlin als "ausgesprochen undeutsche Stadt" und scheut sich nicht, das Motto "Friede, Freude, Eierkuchen" der alljährlichen Love Parade präzise mit "Peace, Happiness, Pancake" zu übersetzen.

Kein anderes GEO Special ist so schnell gealtert wie die Ausgabe Metropole Berlin von 1991. Jetzt widmet der Verlag Gruner + Jahr seine hundertste Ausgabe wieder der deutschen Hauptstadt (Februar 1999; 232 Seiten, 14,80 Mark) - und beschreibt eine ganz andere Stadt als vor acht Jahren. Die wie gewohnt vorzüglichen Farbfotos zeigen nicht mehr eine graue, alte Metropole, sondern die blitzbunte neue. Der frühere französische Kulturminister Jack Lang nennt Berlin "diese rätselhafte Schöne" und kritisiert in seinem Beitrag, daß die Mauer innerhalb weniger Jahre quasi spurlos aus dem Stadtbild verschwunden ist. Der spannende Essay eines Werbeprofis über das Image der Stadt, eine Reportage über die hundert Religionsgemeinschaften und eine Standortbestimmung der Berliner Theaterszene machen das neue GEO Special neben den üblichen Navigationshilfen für Tagesgäste und Nachtschwärmer zu einem Lesevergnügen nicht nur für Bundeskanzler und Abgeordnete nach dem Umzug.

Im Dickicht der Stadt, und zwar fast 20 Jahre lang, hat Bertolt Brecht in Berlin gelebt, von 1924 bis zur Emigration 1933 und von 1948 bis zu seinem Tod im Jahr 1956. Den zahlreichen Spuren, die B.B. an der Spree hinterlassen hat, geht Michael Bienerts literarischer Reiseführer Mit Brecht durch Berlin (Insel-Taschenbuch, 1998; 270 Seiten; 17,80 Mark) nach: vom verschwundenen Romanischen Café an der Stelle des heutigen Europa-Centers, wo der junge Brecht Anschluß an die Künstlerszene sucht, bis zu seiner letzten Wohnung an der Chausseestraße 125 im Bezirk Mitte, die heute ein Museum ist. Sein Grab auf dem Dorotheenstädtischen Friedhof liegt in unmittelbarer Nähe. Das vorzügliche Buch eignet sich gleichermaßen als Begleiter für Exkursionen wie auch als Lehnstuhllektüre. Denn Bienert begnügt sich nicht mit der biographischen Verortung, sondern gibt tiefe Einblicke in die Literatur- und Theaterszene Berlins und zeigt, welche Bedeutung das Dickicht der Stadt für Bertolt Brechts künstlerisches Schaffen hatte.