Ich hab es so lieb & kenns doch noch gar nicht", schrieb Albert Einstein 1902 an seine spätere Frau Mileva, die in Novi Sad (im heutigen Jugoslawien) ihre gemeinsame Tochter Lieserl zur Welt gebracht hatte. Ein Jahr später erkrankte die Kleine schwer an Scharlach und starb vermutlich daran. Doch ganz sicher ist das nicht. Hat Einstein, der seine Tochter vermutlich nie gesehen hat, das Kind möglicherweise verstoßen? Alle Aufzeichnungen, die das Schicksal von Lieserl belegen könnten, sind in den jugoslawischen Bürgerkriegswirren verlorengegangen. Ein Stoff für einen Roman.

Anna McGrail hat ihn geschrieben. In Fräulein Einsteins Universum spinnt sie die Geschichte von Lieserl weiter: Die Kleine überlebt die Krankheit, aber der Vater fürchtet, das Kindergeschrei könne ihn von seiner Physik ablenken. So wächst Lieserl auf einem Bauernhof in der Nähe ihres Geburtsortes auf. Als ihre Mutter sie zum letzten Mal besucht, schwört die Achtjährige ihrem Vater Rache. Bald entdeckt sie ihr mathematisches Talent. Als Autodidaktin eignet Lieserl sich die höhere Physik an, um zu verstehen, wofür ihr Vater sie aufgab. Es reift der Entschluß, ihn in seinem ureigenen Feld zu schlagen und vor ihm die Geheimnisse des Universums zu lüften. So stößt Lieserl auf die allgemeine Relativitätstheorie - allerdings hat Albert sie bereits veröffentlicht.

Doch die Geschichte geht munter weiter: Im Zweiten Weltkrieg startet Fräulein Einstein einen neuen Versuch, ihrem verhaßten Vater eins auszuwischen. Sie hilft den Nazis beim Bau der Atombombe, um den pazifistischen Albert zu ärgern. Ausgerechnet seine berühmte Formel E = mc2 soll zu einer schrecklichen Waffe führen. Über ihrer Arbeit merkt Lieserl nicht, was um sie herum passiert - bis plötzlich ihre Familie deportiert wird. Ein paar Monate später erfährt sie, daß alle tot sind. Sie flüchtet mit ihrer Freundin auf abenteuerlichen Wegen in die USA - direkt nach Los Alamos. Beim dortigen Manhattan-Projekt zur Entwicklung einer Atombombe heuern die beiden Frauen als Sektretärinnen an. Fortan verbessert Lieserl mit ihrem mathematischen Genie unauffällig die Manuskripte der Wissenschaftler. Doch als die US-Regierung die Bombe über Japan abwirft, ist ihr Entsetzen groß.

Auch wenn die Geschichte etwas übertrieben klingt: Anna McGrail ist ein packender Roman gelungen. Gekonnt verknüpft er die politischen Wirren der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts mit einer Einführung in die moderne Physik. Denn Fräulein Einstein versucht immer wieder, ihrer Freundin - und dem Leser - die Relativitäts- und die Quantenthoerie nahezubringen.

Die Physikerlegende Albert kommt dagegen nicht gut weg. Er erscheint als selbstsüchtiger Egomane, der sich Kritik auch von Lieserls Bruder Hans Albert und ihrer Mutter Mileva anhören muß. In dem Buch hilft Mileva, von der sich Einstein scheiden ließ, der Mathematik seiner speziellen Relativitätstheorie entscheidend auf die Sprünge. In der Veröffentlichung wird sie von Albert hingegen mit keinem Wort erwähnt.

So könnte es gewesen sein. Doch Anna McGrail hat einen Roman geschrieben, keinen historischen Tatsachenbericht. Da fällt es mitunter schwer, Dichtung und Wahrheit zu trennen, und mancher Leser mag am Ende verwirrt sein. Und dann gibt es auch noch fast ein Happy-End: Am Sterbebett besucht Fräulein Einstein ihren berühmten Vater, der sie schon erwartet. Nur zur Versöhnung von Vater und Tochter läßt es die Autorin glücklicherweise nicht kommen.

Anna McGrail: