Wollten die Vereinigten Staaten von Amerika eines Tages Mitglied im Europarat und in der Europäischen Union werden - ihr Antrag würde glattweg abgelehnt. Der Grund: die Todesstrafe. Gerade wurde dort wieder ein Straftäter von Staats wegen umgebracht, ein Deutscher. Und wer Menschen hinrichtet, verstößt gegen die Werteordnung des Alten Kontinents, gegen die Europäische Erklärung der Menschenrechte.

Dieses Amerika hat in zwei Weltkriegen die Demokratie nach Deutschland getragen, es engagiert sich von Peking bis Bonn für die Einhaltung der Menschenrechte und steht gleichwohl selbst am Pranger als Vollstrecker der Todesstrafe.

Eint die Alte und die Neue Welt noch dieselbe Werteordnung? Zweifel sind angebracht. Die Vereinigten Staaten exekutieren nicht nur ungehemmter denn je. Sie verweigern sich auch anderen europäischen Plänen, die auf Menschenrechte gründen: dem weltweiten Verbot von Landminen zum Beispiel oder der Einrichtung eines Internationalen Strafgerichtshofs für Kriegs- und Staatsverbrecher. Das Wertefundament der transatlantischen Gemeinschaft zeigt Risse.

Seit dem Ende des Kalten Krieges ist die Todesstrafe weltweit auf dem Rückzug. Gleichwohl wird 1999 zu einem schwarzen Jahr für das Recht auf Leben: Die Philippinen exekutieren wieder. Der höchste Staatsanwalt der Türkei wird wohl die Todesstrafe gegen den PKK-Führer Abdullah Öcalan beantragen. Vergangene Woche beförderte die Justiz des US-Bundesstaates Arizona den Deutschamerikaner Karl LaGrand wegen Mordes in den Tod. Zum Tode verurteilt wurde auch sein Komplize und Bruder Walter. Seit Anfang Januar hat Amerika 20 solcher Urteile vollstreckt; seit 1976, als der Oberste Gerichtshof die Todesstrafe nach einer vierjährigen Unterbrechung wieder zuließ, gab es mehr als 500 Hinrichtungen.

Kein Vergleich zur Volksrepublik China, gewiß. Die Tötungsmaschine läuft dort im Vierstundentakt. Vergangenes Jahr wurden 3152 Todesurteile gefällt und jedes zweite davon exekutiert. Die Dunkelziffer liegt höher. China nimmt, gemessen an der Bevölkerung, mindestens sechsmal so vielen Straftätern das Leben wie Amerika - der traurige Weltrekord. Weil Diktaturen an sich unrecht sind, fällt es leichter, gegen Hinrichtungen in China, Afghanistan oder im Irak zu protestieren. Amerika ist ein demokratischer Rechtsstaat, deshalb belastet die rabiate Todesstrafenpraxis dort unser Verständnis besonders stark.

Der Dialog mit dem großen Bruder im demokratischen Geiste ist schwierig. Einwände stoßen auf taube Ohren, der deutsche Botschafter, der um Gnade für die Mörder Karl und Walter LaGrand bat, wurde wie ein dummer Junge stehengelassen. Nicht einmal der Internationale Gerichtshof in Den Haag fand Gehör, als er kürzlich im Fall eines Paraguayers darum bat, die Hinrichtung aufzuschieben.

Die Amerikaner sind nicht aus einem geheimnisvollen Grund brutaler und rücksichtsloser als andere Völker. Früh kämpften sie für Unabhängigkeit, Demokratie und Menschenrechte. Sie schufen einen freiheitlichen Staat für Millionen Einwanderer verschiedener Kulturen, Religionen und Rassen. Eine großartige Leistung. Die Todesstrafe war in den Pioniertagen das primitivste Ordnungsgesetz. Auge um Auge, Zahn um Zahn; der Colt saß locker, ein Leben war schnell verwirkt.