die zeit: Die rot-grüne Koalition hat nun die Eckpunkte einer neuen Gesundheitsreform vorgelegt. Werden Sie und Ihre Kollegen jetzt wieder mit öffentlichen Demonstrationen antworten wie im Dezember vorigen Jahres?

Winfried Schorre: Wenn alles so kommt, wie es sich derzeit abzeichnet, wird die Ärzteschaft maximalen Widerstand leisten, denn hier wird ausgerechnet durch die rot-grüne Koalition der Grundstein für eine völlige Umstrukturierung des Solidarsystems gelegt. Ich frage mich, ob das wirklich so gewollt ist oder ob die Konsequenzen nicht gesehen werden.

zeit: Was meinen Sie?

Schorre: Die Regierung hat offenbar vor, die ganze Macht für das Gesundheitssystem auf die Krankenkassen zu übertragen. Nach geltendem Recht sind Kassenärztliche Vereinigungen und Krankenkassen gemeinsam für die ambulante medizinische Versorgung zuständig. Unterschiedliche Interessen müssen also austariert werden. Wenn nun die Kassen demnächst Versorgungsverträge mit einzelnen Ärzten oder Ärzteverbänden aushandeln können, ohne daß die Kassenärztlichen Vereinigungen beteiligt sind, ist die gemeinsame Selbstverwaltung tot. Die Krankenversorgung wird dann zum Chaos.

zeit: Da übertreiben Sie doch wohl.

Schorre: Keineswegs. Überall würden unterschiedliche Verträge abgeschlossen, in Ulm herrschen dann andere Verhältnisse als in Hamburg. Am Ende hat jede Region ihre eigenen Therapien und unterschiedliche Vergütungen. Die bisherige Einheitlichkeit der Versorgung wird zum Flickenteppich, und das bedeutet Chaos. Damit wird die Axt an die Wurzeln des Solidarsystems gelegt und ausgerechnet von einer politischen Couleur, von der man das am wenigsten erwartet hätte.

zeit: Aber die verkrusteten Strukturen des Systems müssen doch aufgebrochen werden. Fürchten Sie nicht schlicht um Ihre Macht?