Die jüngste Vollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz zeugt von einer tiefen Vertrauenskrise innerhalb der katholischen Kirche. Die in Lingen versammelten katholischen Oberhirten hatten die leidige Frage einer Beteiligung an der gesetzlichen Schwangerenberatung zu klären; die Vorgeschichte dieser Entscheidung gerät zum Test für die Rolle von Bischofskonferenzen überhaupt.

Nicht nur die Mehrheit der deutschen Bischöfe hat in diesem Konflikt einen Gesichtsverlust hinnehmen müssen, sondern alle Beteiligten - auch "Rom". Wenn der Papst und der für die Reinheit der Lehre zuständige Kardinal Joseph Ratzinger mehr als drei Jahre lang ihre deutschen Kollegen bearbeiten und dennoch keinen Meinungswechsel bewirken, nimmt die Autorität des Vatikans zwangsläufig Schaden. Zwei briefliche Aufforderungen des Papstes (1995 und 1998), diverse Schreiben Ratzingers; wiederholte Gespräche der deutschen Delegation mit dem Heiligen Vater; eine Sondersitzung der Kongregation für die Glaubenslehre - ohne greifbares Ergebnis. Die Mehrheit der deutschen Bischöfe ändert ihre Haltung nicht. Sie verzichtet nur darauf, ihre Meinung laut zu sagen. Zuerst soll Johannes Paul II. das Votum billigen - oder umstoßen.

Wozu dann überhaupt die Debatte? Vielleicht weil der Papst im Umgang mit seinen Bischöfen Diskussion und Gehorsam zugleich wünschte. Wie Johannes Paul II. auch über die katholische Schwangerenberatung entscheiden wird, eines steht fest: Der päpstliche Erlaß Apostolos suos vom Mai 1998 hat als neue theologische und rechtliche Arbeitsgrundlage für katholische Bischofskonferenzen versagt.

Dabei sollten letztere - so sah das einmal das II. Vatikanische Konzil - eine wichtige Rolle bei der Verwirklichung der "einträchtigen Vielfalt" und "kollegialen Gesinnung" zwischen den Ortskirchen spielen (Lumen gentium, N. 22; Christus Dominus, N. 36-38). Auch im neuen Kirchenrechtskodex (1983) werden ihnen Aufgaben der Seelsorge und des Lehramts zugewiesen.

Und in der Tat haben in den vergangenen Jahrzehnten die nationalen Bischofskonferenzen überall an Bedeutung gewonnen; in aller Welt äußern sie sich mit Vorliebe zu Fragen der Menschenrechte. Allerdings mit deutlichen regionalen Akzentunterschieden: je nachdem, ob (wie in Afrika und Ozeanien) die Erziehung, Regierungswillkür und staatliche Korruption im Vordergrund stehen oder (wie in Asien und Lateinamerika) die Armut, die Eigentumsordnung und soziale Solidarität.

Als 1985, zwanzig Jahre nach dem Konzil, eine Weltsynode erneut eine Arbeitsgrundlage für diese Gremien gefordert hatte, war 1988 ein äußerst restriktiver Entwurf des Vatikans von fast allen Adressaten abgelehnt worden. Erst zehn Jahre später erschien im Sommer 1998 der päpstliche Erlaß Apostolos suos: Dieser schreibt für alle verbindlichen Lehramtsentscheidungen auf Bischofskonferenzen Einstimmigkeit vor - und macht damit ein effektives Arbeiten unmöglich.

Die deutsche Probe aufs Exempel beweist: Jede Minderheit - und sei es nur die eine Stimme des einen Bischofs Johannes Dyba - kann im Konfliktfall eine Debatte lahmlegen, da sie jede Entscheidung zur Überprüfung (recognitio) an die römische Zentrale zurückverweist (Apostolos suos, N. 22). Statt ein Klima brüderlicher Zusammenarbeit zu fördern, hat das neue Reglement Mißtrauen gesät und die bisher schwerste Krise im deutschen Episkopat der Nachkriegszeit geerntet.