Einen gemeinsamen Nenner gibt es: Vor dem Tresen, hinterm Tresen, überall sind Lebewesen. Berlin als animal zoo, aufs Kreatürliche heruntergebracht. Solches sang Funny van Dannen, der Held des Kleinteiligen, vor nunmehr vier Jahren. Inzwischen ist die Hauptstadt rhetorisch wie audiovisuell explodiert, doch van Dannen, der eigentlich Franz-Josef Hagmanns heißt und vom Niederrhein kommt, lebt noch immer in derselben Kreuzberger Altbauwohnung in Exmauernähe mit Ehefrau, Kindern und Sittichen. Zu den drei Söhnen ist ein weiterer hinzugekommen. Funny zieht jetzt öfters mal neue Saiten auf seine Gitarre. Und denkt dabei nicht etwa an den Regierungsumzug.

Berliner Lied, skeptisch Lied: "Es hat ja nichts mit dir zu tun und auch nicht mit uns zwei'n, und es ist ja nicht pervers, ich denke oft an Uruguay". Da lacht das Publikum, weil: Darauf muß man erst mal kommen! Das Titelstück der jüngsten Van-Dannen-CD hat aber auch etwas Programmatisches. Man muß nur dem Ruf folgen, diesen "drei Us auf engstem Raum". An Uruguay denken heißt, an einen blindgewordenen Fleck auf der Landkarte zu erinnern, mit dem man bloß furchtbare Tretereien bei der Fußballweltmeisterschaft 66 verbindet. Aber schön war's doch. Deshalb dieser Phantomschmerz an Seele und Schienbein.

Uruguay, das ist die konkrete Poesie des Veraltenden. Statt einzustimmen in den Sound der Zeit, verharrt das Berliner Songschreibertum im Stoizismus der Basis. Und es tut dies am hartnäckigsten in Kreuzberg. Mit Uruguay hat der Bezirk gemeinsam, daß seine Glanzzeiten vorbei sind. Wer als Bohemien auf sich hält, ist längst nach Mitte gezogen oder nach Prenzlauer Berg. Im Kiez hängengeblieben ist das älter gewordene Selbstverwirklichermilieu, das über die Jahre begreifen mußte, wie sehr es in einer Nische am Ende der Welt gelebt hat. Von daher läßt sich ein Hang zur Idylle verstehen, aber auch die Neigung, die Zumutungen der Zeit mit melancholischem Kinderblick zu betrachten. In Kreuzberg träumen Leute noch allen Ernstes davon, Schriftsteller zu werden und nicht etwa Techno-DJ. In teilnehmender Gegenwartsnegation überwintern sie in Zeitblasen.

Das ist romantisch, aber auch paradox. Sogar ein wenig traurig. Und weil das so ist, springen Funny-Lieder magisch im Viereck. In einer Art Flaneursgeste heben sie auf, was andere wegwerfen, beseelen es oder basteln es ganz neu zusammen. Homebanking etwa oder die Auswirkungen des Euro. "Wo kommen die Gedanken her?" fragt Funny leise und gedenkt in Jan Ullrich eines Siegers von gestern, mit dessen nachlassender Form ein weiteres Jahrzehnt im Swimmingpool der Zeit versinkt.

So vergeht eben, kaum angekommen, der Ruhm der Welt. Und klingt nicht schon Funny van Dannen, der Name, wie eine Mischung aus chipsfrisch und memento mori? Funny-Lieder sind Welttheater im Dreiminutenformat. Endreime klammern das Ganze zusammen, aber nur mit knapper Not. Wer hinhört, kann unter der ewiggleichen sing along-Melodie, dem nostalgischen Schlagerfinish die Angst vor sozialer Deklassierung heraushören, wie sie die lokale Boheme ergriffen hat. Es regnet rein in Funnys Kreuzberger Multikulti-Idylle, am heftigsten im visionären Titel Berlin International: Türken, Künstler, Russenmafia, "alle steh'n zusammen, egal, woher sie stammen, alle steh'n zusammen - bei Aldi vorm Regal".

Es regnet überhaupt viel im Kreuzberger Lied. Wenn Christiane Rösinger ihr Leben in Songs entläßt, spiegelt sich darin melancholisch das Kopfsteinpflaster. Immer nur anderswo gehen Dreck und Chic glamourös zusammen, "sehen das Blau des Himmels und der Schmutz der Straße so undergroundig aus und nicht so leer und trostlos wie die Wasserlachen vor dem Haus".

Britta, die Band, in der Christiane textet und singt, macht die Sache nicht heiterer. Für Freunde von Etiketten: Britta spielen gitarrenorientierten Post-Riot-Girl-Trio-Song-Blues mit dekonstruktiv-dilettantischer Note. Man kann es auch so formulieren: Sie haben Erfahrungen mit Männern gemacht, nur leider nicht die besten; sie sind keine Virtuosinnen am Instrument, aber tun es mit großer Nonchalance trotzdem. Kann eine alleinerziehende Mutter sich schließlich um jede Feinheit im Arrangement kümmern? Siehste. Schon deshalb verhält sich Britta-Musik zur Mittigkeit der Neuen Mitte eher zentrifugal.