Wer im Kurzzeitvergnügen aufs Klo muß, hat ein Problem. Der Lichtschalter ist mit der Anlage im Partyraum gekoppelt, so daß die Musik abbricht, wenn es im Bad hell wird. Den Gästen, die durch ein Schild darauf hingewiesen werden, bleibt nur die Wahl, entweder im Dunkeln auf die eigene Treffsicherheit zu vertrauen oder aber die Party nebenan zu stören.

Ein geplantes Happening sei das nicht, versichert Thomas, der zusammen mit drei Freunden die Bar betreibt, eher eine Panne bei der Installation der Anlage. Thomas kam 1991 zum Studium aus Hamburg nach Berlin. Jetzt ist er 30. Ein runder Kopf, die Haare zum Pferdeschwanz zusammengebunden, schmächtige Figur, ständiges Lächeln und eine leise, sanfte Stimme. Eigentlich studiert er Kulturwissenschaften und will auch irgendwann seinen Magister machen. Vor allem aber legt er als DJ Rocco-Gelati-Platten auf und kümmert sich dienstags und freitags um seine Bar im Ostberliner Bezirk Friedrichshain.

Der Mythos, der sich um diesen Stadtteil rankt und der von Szeneveteranen gern kolportiert wird, geht in etwa so: Eine Zeit nach der Wende, als der Kollwitzplatz schon annähernd so yuppisiert war wie heute, entdeckte die Szene den alten Arbeiterbezirk Friedrichshain, der zwischen Kreuzberg, Mitte und Prenzlauer Berg liegt. Die Häuser waren hier noch nicht saniert und die Mieten billig. In leerstehenden Wohnungen wurden kurzlebige Wohnzimmerklubs eröffnet, die immer wieder umzogen. Irgendwie fühlte man sich dem Untergrund zugehörig, denn die Räume waren oft nicht angemietet, sondern besetzt, und natürlich konnte auch von einer Ausschanklizenz keine Rede sein.

Zwar veränderte sich der Stadtteil mit den Jahren; auch hier wird saniert, und mit den inzwischen geklärten Eigentumsverhältnissen an den Wohnhäusern kommt es häufig zu regulären Mietverträgen. Doch den Barbetrieb meldet noch immer kaum einer an. Veranstaltungen werden offiziell als "Party" bezeichnet oder als "Galerie" geführt. Und wenn die Polizei mal vorbeischaut, fragt sie nur selten nach der Schanklizenz - meist haben Nachbarn die Ordnungshüter gerufen, weil der Lärm ihnen auf die Nerven geht.

So sind die Abschottung, die konspirative Weitergabe der Adressen bald weniger Vorsichtsmaßnahme als eher eingeübtes Ritual und phantasievolles Indianerspiel für Erwachsene. Um die Adressen zu verschlüsseln, werden Kürzel ersonnen und Fährten gelegt. Ein hektografierter Handzettel führt etwa in eine abgelegene Seitenstraße, wo auf dem Trottoir ein einsames Teelicht blinkt. Dort angekommen, entdeckt man mit etwas Glück in immer kürzeren Abständen eine Lichterspur, die querfeldein über Zäune, durch Hinterhöfe und schließlich in einen Keller führt, wo man sich an der Theke für die Ausdauer bei der Schnitzeljagd belohnen kann.

Auch die Bar von Thomas ist nicht ganz einfach zu finden. Die Fenster sind zur Straße hin vernagelt, kein Türschild weist den Weg in die Erdgeschoßwohnung. Wir verlassen uns auf die Adresse und stehen vor einem abbruchreifen Mietshaus. Im Durchgang zum Hof eine unscheinbare Holztür. Wir wummern mit aller Kraft dagegen und hoffen, keine harmlose Familie beim nächtlichen Fernsehen oder sonstigen Vergnügen zu stören.

Sesam öffnet sich: Drei Räume mit einer selbstgezimmerten Holztheke, Möbeln vom Sperrmüll und einer kleinen Bühne. Ein Zimmer ist mit Schwarzlicht ausgeleuchtet, das alles Weiße phosphoreszierend strahlen läßt. Die Bar mit den künstlichen Blumen und gußeisernen Hockern atmet die Kellergemütlichkeit der siebziger Jahre. Auf der Bühne im dritten Raum werkelt einsam ein Geräuschkünstler vor sich hin, der dem Zusammenklang von Schreibmaschine und Synthesizer neue Töne entlockt. Die etwa 30 Besucher, viele von ihnen Stammgäste, belagern die Bar, reißen der Bedienung die Caipirinhas aus den Händen oder halten sich an Gin Tonic, beides sehr ordentlich gemixt. Weintrinker hingegen werden mit furchtbarem Fusel abgespeist. Wer einen Platz findet, läßt sich in einen der ausgeleierten Sessel fallen.