Wien

Deutschland ist dabei, einen alten Zopf endgültig abzuschneiden: Bürgerrecht statt Abstammungsrecht, Bürgerstaat statt Volksstaat. Mit einem Zorn, der genau das entgegengesetzte Ziel verfolgt, hat jetzt eine junge Kurdin im stern den "totalen Krieg in der Türkei" erklärt. Sie will den völkischen Terror, und damit dürfte sie nicht allein stehen.

Die neunziger Jahre haben gezeigt, wie leicht die Begeisterung für das Völkische die Frage nach den Bürgerrechten verdrängen kann. Die serbische Führung des jugoslawischen Staates verweigerte den Bürgern aus Kroatien und aus Slowenien vor allem die offene Demokratie und die Bürgerrechte. Die Antwort auf solche Wünsche gab das Belgrader Regime im Sommer 1989 mit der völkischen Kriegserklärung gegen die Bürger albanischer Abstammung. Die Folge war der Krieg, verklärt in der völkischen Romantik eines Peter Handke. Kriegerischer Terror hat dann das Völkische für lange Zeit vor das Bürgerrecht gebombt.

Aber auch wir sind beeinflußt von der romantischen Zuneigung zur ethnischen (völkischen) Selbstbestimmung. Wie wir sie lieben, diese Landkarten mit den dunklen oder hellen Farbflecken. Da wohnen die Kurden, hier unter und dort über fünfzig Prozent. Die farbigen Flecken für kurdische Minderheiten sind in fünf verschiedenen Staaten plaziert.

Es geht jedoch bei der riesigen Binnenmigration in der Türkei nicht um Farbflecken in alten Atlanten aus dem 19. Jahrhundert. Es geht dort um die Bürger eines Millionenstaates, die aus über vierzig verschiedenen Ethnien stammen können. Es gibt wohl keine einzige türkische Bürgerin, die jeweils acht türkische oder acht kurdische oder tschetschenische Urgroßeltern nachweisen könnte. Dem Ahnenpaß der Nazis könnten nur die wenigsten Türken genügen.

Auf skandalöse Weise ist die atatürkische Säkularisierung mit dieser Vielfalt umgegangen. Die türkische Verfassung hat ein kafkaeskes Netz über die Bürger geworfen. Doch die kurdischen Türken wollen sich ihrer Herkunft vergewissern, ihre Sprache sprechen. Sie wollen ihre Geschichte erinnern und ihre Geschichten erzählen, Zeitungen in kurdischer Sprache drucken, Kurdisch an den Schulen lernen.

All das sind Bürgerrechte. Sie friedlich nutzen zu dürfen birgt weit weniger die Gefahr eines terrorbereiten völkischen Nationalismus als die geradezu totalitären Verbote. Auf diesem Feld ist die atatürkische Verfassung zur Ideologie geworden.