Die schönste Geschichte über sie erzählt eine andere Sängerin: Als sich Lotte Lenya 83jährig, vom Krebs zerfressen, aufs Totenbett legte, hielt ihr die Sopranistin Teresa Stratas wochenlang die Hand. Schlief neben ihr auf dem Fußboden, hörte zu, war einfach da. Und berichtet jetzt, 17 Jahre später, vom schweren Sterben der Frau mit dem Karottenkopf: "Eines Tages schaute sie mich mit ihren brennenden Augen an und sagte: ,Ich war immer eifersüchtig auf dich, weil du in der Lage warst, Lulu zu singen. Du hast die wunderbarste Stimme.' Ich zögerte einen Moment und erwiderte: ,Aber Lenya, du bist Lulu.'"

Allein Stratas' Essay The Colors of Lenya lohnt den reich gespickten, zweisprachigen Bildband, der die elf CDs von The Ultimate Lotte Lenya Collection begleitet. Und was Lenyas Aufnahmen von 1929 bis 1970 nicht preisgeben, was ihre Auftritte in Radio und Fernsehen (etwa 1975 bei Dick Cavett), ihre Courage, ihre Studio-Session mit Louis Armstrong oder die klamm rezitierten Gedichte ihrer Invitation to German Poetry verhehlen oder verwischen - das beleuchten die übrigen Beiträge. Mögen Kim H. Kowalke, Jürgen Schebera, Lys Simonette oder Alan Rich dabei auch nicht sonderlich kritisch verfahren: Lulu singen oder Lulu sein war genau die Frage, die sich für Lenya nie stellte. Im Leben nicht und erst recht nicht in der Kunst, Lulu, das "wahre Tier, das wilde, schöne Tier", das männermordende Großstadtgeschöpf der freudianisch aufgeklärten Moderne, galt ihr als natürliche Schwester der Seeräuber-Jenny, als Wahlverwandte der beiden Annas aus den Sieben Todsünden - nur daß Lulu sich akademischer, belcantischer gebärdete als diese.

Und wie Lulu, die in der Oper mal Mignora, mal Eva oder Nelly heißt, wechselte auch Lenya den Namen. Aus dem "Linnerl", jener Karoline Wilhelmine Charlotte Blamauer, die 1898 in Wien geboren wurde und unverzüglich Armut und Gewalt zu spüren bekam, wurde 1923 kurzerhand: Lotte Lenja. Einmal noch, 1933 in Paris, änderte sie das Pseudonym in L. Marie Lenja um, bevor die Emigration 1936 in die USA die amerikanische Schreibweise - Lotte Lenya - besiegelte. Eine Odyssee weiblicher Identität? Die Kosenamen, die sich ihr erster Ehemann Kurt Weill ausdachte, spitzen spaßhaft zu, was das 20. Jahrhundert so manche kreative Künstlergattin lehrte: Von "Lila Schweindi" bis "Weilliwüppchen" blieb da wenig Raum fürs Erwachsenwerden. Lotte Lenya - "ein exotisches, zerbrechliches Wesen, ein ewig schutz- und pflegebedürftiges Weib-Kind"?

Lenyas Singstimme half, solche Klischees zu festigen. Ernst Bloch beschrieb sie Ende der zwanziger Jahre, in der Zeit ihres ersten Ruhms, als "süß, hoch, leicht, gefährlich, kühl, mit dem Licht der Mondsichel". Und Lenya selbst mutmaßte, es sei "das Mädchenhafte" darin gewesen, "so ohne Bibbern und Sex-Appeal", was den Komponisten Weill inspirierte. Erstaunlich indes, wie tief Adorno blickte, als er über Lenyas Jenny Hill in der Berliner Mahagonny-Aufführung von 1931 urteilte: "... mit der Stimme einer Minderjährigen ... so wenig noch ein Selbst, kaum mehr ein Mensch, eine bemalte Allegorie der Verdinglichung und totenhaft rührend".

Daß diese Worte nicht nur eine Rolle meinten, zeigte sich, als Weill starb und Lenya in der Pflicht war, für sein künstlerisches Erbe einzustehen. Sie legte sich das berühmte Toulouse-Lautrec-Rot aufs Haar. Mit der vox angelica freilich, die Brechts Hurengeschichten ästhetisiert und buchstäblich aus der Gosse gezogen hatte, war es vorbei. Unzählige Zigaretten und ihr verzweifelt hedonistisches Agieren zwischen Affären, Abtreibungen und Mißerfolgen begründeten jenes Whiskey-Timbre, das zum Mythos wurde. Noch Ute Lemper und Marianne Faithful zehren heute von diesem Mißverständnis, jener Stimme aus "gesprungenem Glas", die selten anders als "ein musikalischer Zementmischer" klang. Man höre nur, wie Lenya 1929 Surabaya-Johnny singt, und wieder 1965 in der Carnegie Hall. Mit naivem Backfischjubel hier, mit unendlich müder Moritaten-Tristesse da.

The Ultimate Lotte Lenya Collection

elf CDs; Buch; 45-rpm Facsimile Disc;